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Die IVCG

 
Ausgabe 07/00+08/00 

Auszeit

 

Tatbestand


Wir sind gut trainiert. Wir sind belastbar und flexibel. Wir sind stressfähig und stolz darauf. Wir, das sind Menschen wie du und ich in Verantwortung.

Entdeckung


Auch ich hatte meine Belastbarkeit immer weiter ausgebaut. Eines Tages stiess ich im Hochleistungssport und durch persönliche Schwierigkeiten auf das Phänomen «Auszeit».

Im Sport


Im Volleyball gilt die Regel, dass der Trainer mitten im Spiel eine Auszeit verlangen kann, das heisst eine Unterbrechung, bei der die Spieler auf dem Spielfeld aufeinander zugehen, die Köpfe zusammen stecken und … Keiner weiss, was da gesprochen wird, auf jeden Fall hält das Team vor dem Publikum und Gegner eine kurze Zeit inne. Der Hundertmeterläufer schafft seine Strecke mit nur 3 mal atmen. Er geht dabei eine grosse Sauerstoffschuld ein. Er braucht nach dem Zieleinlauf eine Erholungsphase. Er ist in dieser Phase für einen kurzen Moment nicht ansprechbar. Es ist seine Auszeit.

Mein Problem


Ich selbst hatte nach 37 turbulenten Jahren als Berufsoffizier und 6 intensiven Jahren in der Leitung eines Missionswerkes wiederholt Eheprobleme.

Ich ging in die Stille, um zu prüfen, was ich falsch machte. Zugegeben, es fiel uns anfänglich sehr schwer abzuschalten und innerlich zur Ruhe zu kommen. Ich konnte mich schlecht konzentrieren. Ich hatte viel geschafft, gelernt und gelehrt, aber stille- und innehalten, das musste ich erst neu lernen.

Ich suchte die Einsamkeit und fand sie fast unerträglich. Meine Gedanken und meine «innere Uhr» jagten weiter.

Erst nach einigen Anläufen, Kämpfen und Übungen lernte ich die «Auszeit» als eine wohltuende, absolut notwendige Massnahme schätzen. Heute ist mir die Auszeit zur hilfreichen, auferbauenden Gewohnheit geworden.

Ich führe nachfolgend einige Gedanken zu dieser Art des Aufatmens als Hilfestellung und Anregung für Menschen in Verantwortung aus.

Auszeit ist nicht

  • sich zurückziehen, neue Pläne schmieden.

  • abtauchen und sich unerkannt ausleben und neue Action entdecken.

  • sich aussperren, über Misserfolge und Enttäuschungen nachgrübeln und seine Wunden lecken.

 

Auszeit ist

  • eine gottgewollte, zwingend notwendige Unterbrechung meiner Geschäftigkeit, meiner Verpflichtungen und auch meiner Sorgen und Ängste.

  • ein bewusstes zur Ruhe kommen.

  • gerade für Menschen in Verantwortung eine Echtzeit, eine Einkehr und Besinnung.

  • eine Quelle schöpferischen Atemholens für Geist, Seele und Körper.

 

Keine Zeit für die Zeit


Top-Führungskräfte sind wöchentlich 60 bis 80 Stunden im Einsatz. Davon 1/3 der Zeit mit Verkehrsmitteln unterwegs. Von Termin zu Termin, von Ort zu Ort, von Hotel zu Hotel. Die Zwischenzeiten werden am Laptop, mit Handytelefonaten und Arbeitsgesprächen im Flugzeug genützt. Der Erfolg verpflichtet! Keine Zeit: Ein Fluch unserer modernen Gesellschaft!

Ein Zitat


«Eines Tages entschloss sich der Mensch, in sich zu gehen und war überrascht, dort niemanden anzutreffen. » Wir sind leer, ausgepowert und einsam – Verdrängungskünstler und daher arbeits- und actionsüchtig.

Mut zur Auszeit


Mut zur Auszeit ist kein Bekenntnis zur Bequemlichkeit, zu Unproduktivität und Faulheit. Mut zur Auszeit wird mehr und mehr im Anforderungsprofil von Menschen in Verantwortung gefordert. Mut zur Auszeit zeigt Weitblick und eine Portion Demut. Es kann und wird passieren, dass ich dabei durch folgende Fragen überführt werde:

  • Macht es eigentlich Sinn, was ich tue?

  • Wie bin ich wirklich? Nicht wer oder was bin ich.

  • Wer oder was treibt mich?

  • Was glaube ich überhaupt noch?


Auszeit wird zu einer Herzensangelegenheit, zu einer geistigen Aufgabe.

Der Liegestuhl


Eine wohlmeinende Freundin schickte uns, meiner Ehefrau Erika und mir, zwei Miniaturliegestühle. Sie stehen seitdem mit je einem Foto von uns beiden als Mahnmal auf dem Fensterbrett in meinem Arbeitszimmer. Der Liegestuhl oder die Gartenbank kann ein nützliches Möbelstück sein, einmal nichts zu denken, nichts zu programmieren und zu entwickeln, sondern Ruhe zu empfangen.

Schlachtfelder der Erfolgreichen


Das Krankenbett und die Kurklinik sind erzwungene Auszeiten. Manchmal begreifen wir erst hier ein Stück Lebenswahrheit und Weisheit. Soweit muss es nicht kommen.

Gott hat sich das anders vorgestellt.


In Gottes Wort erfahre ich meine Stärkung und Wegweisung. Gott sagt zu Josua: «Mache dich nun auf und ziehe über den Jordan!» Die Israeliten waren 40 Jahre in der Wüste. Eine Generation war bereits gestorben. Josua war der neue Führer, ihm gibt Gott den Auftrag Neuland zu betreten. Mir scheint dieses alttestamentliche Beispiel von vor 3000 Jahren hochaktuell. Mache dich nun – jetzt auf. Jetzt ist die Zeit der Überwindung, deiner Entscheidung. Gott will, dass wir im Vertrauen und Gehorsam ihm gegenüber Neues wagen und uns auf seine Bestimmung, seine Absicht für unser Leben besinnen.

Wenn nicht jetzt, wann dann?


Wenn Sie an einem Punkt in Ihrem Leben angekommen sind und sich fragen: «Ist das wirklich alles, Geldverdienen, Erfolg haben, keine Zeit haben; um Annahme kämpfen, in kaputten Beziehungen leben; und die Jahre vergehen?» Dann ist es höchste Zeit in die Ruhe zu kommen, Auszeiten einzuplanen.

Ich will – aber:


Ich werde gefragt: «Wie oft, wann und wo ist Auszeit angemessen?»


  • Meine Empfehlung: täglich, in der Stille, an einem geeigneten Ort.

  • Für längere Auszeiten (10 Tage) bieten sich Häuser der Stille, Klöster, Schlafkliniken, einsame Berghütten, Strandhäuser an; selbstverständlich ohne die technische Standardausrüstung wie Handy, Walkman, CD-Player, TV, Radio, Telefon und Internet.

  • Ermutigen möchte ich auch zu einer Auszeit mit dem altmodischen Namen Mussestunde, vor dem Kaminfeuer, auf der Waldlichtung, am Strand beim Sonnenuntergang, im Schneetreiben. Diese Art der Auszeit sollte in der Gemeinschaft Gleichgesinnter erfolgen.

  • Die extremste Auszeit ist wohl das sogenannte Shabbatjahr. Ein Jahr aussteigen, um dann wieder gestärkt, erfrischt und frohen Herzens mit Besonnenheit einzusteigen. Hierzu empfehle ich das Buch von Prof. Henri J. M. Nouwen «Ich hörte auf die Stille» (Sieben Monate im Trappistenkloster).

Ich habe alle vier Möglichkeiten ausprobiert, durchlebt und genossen. Dabei habe ich mir sogenannte Auszeitübungen angewöhnt:

  • Die Stille suchen

  • auf Gottes Stimme hören

  • die Schöpfung zu mir reden lassen

  • über Gottes Wort nachdenken

  • mit Gott reden.


«Wir müssen Gott finden! Aber das geht nicht inmitten von Lärm und Rastlosigkeit. Gott ist ein Freund der Ruhe! Sieh nur wie die Natur – die Bäume, die Blumen, das Gras – in Ruhe wächst. Schau dir die Sterne an, Mond und Sonne, wie sie sich in der Stille fortbewegen ...
Je mehr wir im Gebet in der Stille erfahren, desto mehr können wir in unserm Aktivleben geben. Wir brauchen Stille, um Seelen zu berühren. Die Hauptsache ist nicht das, was wir sagen, sondern das was Gott uns und durch uns zu sagen hat. All unsere Werke werden nutzlos sein, ausser wenn sie von innen kommen. Worte, die nicht das Licht Jesu Christi widerstrahlen machen nur die Dunkelheit grösser.»

_______________

Ein Zitat von Mutter Teresa, die in Kalkutta regelmässig mehr als 80 Stunden in der Woche segensreich gearbeitet hat. Ohne Auszeit!


Der Autor

Hannes Steets

Hannes Steets

D-Garmisch-Partenkirchen

erhielt seine Führungsqualitäten als Berufsoffizier bei der Bundeswehr; im Sport –
u. a. als Chef der Olympia-Mannschaft im Biathlon – wie auch durch seine Leitungsaufgabe in einer Kirche. Er und seine Frau Erika Steets waren in den letzten acht Jahren Seminarleiter bei einem überkonfessionellen Missionswerk in Imst/Österreich

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