

Eine Definition von Führung lautet: «Führungskraft ist nur der, der mit einem Ist- Zustand unzufrieden ist, zu dem ein besseres Soll denkbar, vorstellbar und erreichbar ist.» Es geht hier um konstruktive Unzufriedenheit mit dem Vorläufigen. So ist es auch bei Gott. Deshalb zeigt sich der Gott der Bibel immer wieder als ein Gott des Aufbruchs. Er will uns unsere falschen Sicherheiten nehmen. Sicherheit ist ein grandioses Thema. Die Menschen der Wohlstandsgesellschaft denken bei «Sicherheit» immer noch an so etwas wie eine mittelalterliche Stadtmauer. Das ist ja der Inbegriff des Besitzstanddenkens: Man zieht eine Mauer um das, was man hat. Es gibt aber keine Stadtmauern mehr. Dort, wo es sie noch gibt – in Rothenburg oder Dubrovnik – sind sie nur noch historische Sehenswürdigkeiten, aber sie schützen nicht mehr. Die Sicherheit, die uns Gott geben will, ist nicht mit einer Mauer vergleichbar, sondern die Gewissheit des Weges. Man folgt einer starken Vision und vertraut Gott, dass er auf diesem Weg sicher leitet. Von Abraham wird gesagt: «Er zog aus und wusste nicht, wo er hinkommen würde, aber er vertraute dem, der ihm gesagt hatte: Ich werde bei dir sein.»
«Die Sicherheit, die uns Gott geben will, ist nicht mit einer Mauer vergleichbar, sondern die Gewissheit des Weges.»
Gott verlangt hin und wieder einen Aufbruch ins Unbekannte, ins Nicht-Planbare. Die einzige Gewissheit, die er gibt, ist die Gewissheit, dass er – nicht ich! – das Unbekannte kennt, er auf dem Weg dabei ist und Gutes vorhat. Das kraftvollste Führungsseminar der Weltgeschichte lief vor knapp 2000 Jahren in Jerusalem ab. Nach seinem Tod und seiner Rückkehr ins Leben hatte Jesus Christus eine Truppe von elf Personen zurückgelassen, die nun wirklich überhaupt keine Führungsqualitäten besassen. Sie waren ängstlich, konfus, uneinig, ziellos und strategielos – ein wirrer Haufen. Er kündigte ihnen an, dass er etwas in sie investieren würde. Er stellte ihnen seinen Nachfolger vor, den Heiligen Geist. Kurz bevor er sich von ihnen verabschiedete, erklärte er ihnen noch: «Mein Nachfolger wird euch alle zu einer ganz neuen Art geistlicher Führung befähigen, die die Welt bisher noch nie erlebt hat. Bitte wartet jetzt darauf. Mit euch beginnt ein Prozess, der die Welt umkrempeln wird.»
Wer der Erfüllung mit dem Heiligen Geist innerlich zustimmt und sie annimmt, bekommt damit gleichzeitig die wichtigste Führungsfähigkeit geschenkt: Liebe (Römer 5,5). Da Gottes Ziele und Wege immer für alles Geschaffene gelten – auch für die Menschen, die ihm nicht glauben – ist seit damals Führungsqualifikation an Liebe gebunden. Wenn ich Menschen nicht lieben kann, kann ich sie auch nicht führen. Ich werde sie vielleicht herumkommandieren, aber führen kann ich sie nicht; sie folgen mir nicht. Alle funktionierenden Führungskonzepte gehen vom Du aus, nicht vom Ich. Das hören Sie heute in jedem guten Führungsseminar. Und jeder Mitarbeiter hat ein Gefühl dafür, ob sein Chef in den Kategorien des Du oder in denen des Ich denkt.
Gottes grösste Investition in uns Menschen und unsere Zukunft ist Liebe, indem er uns mit seinem Geist erfüllt. Dieser grosse, gütige Gott hat in mein Leben unendlich viel Geduld und Geborgenheit investiert. Wenn er nicht in mein Leben gekommen wäre, wäre mein Leben wahrscheinlich belanglos. Gott beginnt diesen Prozess jedoch nicht ohne unsere Zustimmung. Liebe ist auch eine Art von Vorausleistung. Deshalb ist Liebe ein Risiko. Wenn aber Gott selbst dieses Risiko bei den Menschen eingeht, kann er doch verlangen, dass auch wir dieses Risiko eingehen. 90 Prozent aller Führungsarbeit ist Menschenarbeit, der Rest ist Geld und Technik. Wenn wir diese Wahrheit in die Mitte unseres Lebens, Arbeitens und unserer Zukunftsvorbereitungen stellten, würden wir sicher vieles intelligenter machen.
90 Prozent aller Führungsarbeit ist Menschenarbeit, der Rest ist Geld und Technik.
Wenn uns die Zukunft wertvoll ist, müssen wir in Zukunft investieren. Investitionen in Menschen kosten Mut, Mühe und Geld. Der «return on investment» ist jedoch hoch; diese Investitionen zahlen sich aus, wenn sie richtig gemacht sind. Viele Manager und Führungskräfte stimmen überein, dass in der harten Wettbewerbswelt von heute und morgen hochqualifizierte Menschen das wichtigste Kapital eines Unternehmens sind. Gehen Sie davon aus, dass sich der eigentliche Wettbewerb der Zukunft nicht um wichtige Kunden drehen wird, sondern um aussergewöhnliche Menschen, um hochqualifizierte Mitarbeiter. Die grossen Beratungsunternehmen sind heute alle schon in diesem Geschäft engagiert. Das Humankapital eines Unternehmens wird dessen Zukunft bestimmen. Leider haben das viele noch nicht begriffen. Wir haben nicht einmal eine betriebswirtschaftliche Platzierung dafür gefunden: Keine Bilanz eines Unternehmens erwähnt dieses wichtigste Kapital überhaupt als Kapital! Wo steht das Humankapital in einer Bilanz? Auf der Kostenseite! Wir platzieren es also nicht einmal richtig. Bilanzen bilden keine Zukunft ab, sondern nur Vergangenheit. Die Mehrzahl aller Firmencontroller in grossen Unternehmen arbeiten wie Ruderer: Sie bewegen ein Boot nach vorne, blicken aber nach hinten. Dadurch sehen sie weder Stromschnellen noch Wasserfälle.
Ich möchte Ihnen ein brillantes Beispiel geben, wie man in eine nicht planbare Zukunft ausserordentlich intelligent investieren kann. Ich hatte vor kurzer Zeit Gelegenheit, mich mit einem Vorstandsmitglied von Daimler-Chrysler zu unterhalten, der gleichzeitig Vorstandsvorsitzender des grossen und rapid wachsenden Daimler-Chrysler-Dienstleistungsunternehmens Debis ist. Bei seinen Besuchen in Israel war ihm aufgefallen, dass bei vielen der dort arbeitenden ITProfessionals ein hohes Mass an Leistungsund Innovationsbereitschaft sowie eine Art von Zukunftsbegeisterung vorhanden war. Er war fasziniert von dem, was er dort vorfand. Er versuchte den Grund herauszufinden und entdeckte dabei folgendes: Der Staat Israel hatte einer Gruppe von etwa 300 hochkarätigen Personen eine zukunftsvorbereitende Aufgabe gegeben: Sie schrieben alle Lehrbücher für die Schulen in Israel um. Diese neuen Lehrbücher enthalten ein hohes Mass an Zukunftsmut, Innovationsbereitschaft, Leistungsbereitschaft und Technologiefreundlichkeit. Können Sie sich ein besseres Fit-for-the-future-Programm vorstellen? Ich nicht!
«Wo steht das Humankapital in einer Bilanz? Auf der Kostenseite! Wir platzieren es also nicht einmal richtig.»
«Ich werde euch einen neuen Geist geben, und dazu ein Herz, das fühlt und lebt.»
Vor langer Zeit sagte Gott seinem Volk Israel durch den Propheten Hesekiel: «Ich werde euch einen neuen Geist geben, und dazu ein Herz, das fühlt und lebt.» Bereits hier wird Führungsqualität als Kombination von Kompetenz und Persönlichkeit dargestellt. Als Jesus Christus zu wirken begann, fing er sofort damit an, in Menschen zu investieren. Er hatte bemerkenswerte Methoden, Mitarbeiter zu finden und auszubilden: Bei einfachen Fischern genügte die Aufforderung «Komm!», und sie kamen. Bei einem hochbegabten Intellektuellen und theologischen Hardliner, Saulus von Tarsus, reichte das nicht. Den musste er erst vom Pferd stossen und einige Tage blind machen, bis der «fit for the future» war. Gottes Fit-for-the-future-Programme sind sehr unterschiedlich. Der am Hof des Pharaos sehr selbstbewusst gewordene Mose absolvierte ein Führungskräfte-Training von 40 Jahren Wüste, bevor er seine Zukunftsaufgabe für sein Volk bekam. Gott hat gesagt, dass er uns einen inneren Frieden geben kann, der tiefer geht als das Verstehen aller Zusammenhänge, einen Frieden, der sogar unser Herz Gutes denken lässt. Gott hat uns das feste Versprechen gegeben, dass er denjenigen Menschen, die Christus ihr Leben öffnen und mit ihm leben, alle Schuld ihres Lebens vergeben wird. Sie können noch einmal bei Null anfangen. Wer sich mit Gott auf den Weg macht und eine Lebenspartnerschaft mit Christus eingeht, der entdeckt eines Tages etwas Gewaltiges: Gott will die Menschen nicht nur fit for the future machen, sondern fit for eternity, fit für die Ewigkeit! Auf dem Weg in die Ewigkeit ist die Zukunft nur eine Durchgangsstation. Das geht über unser Begreifen weit hinaus, aber zeigt, welch hohen Wert unser Schöpfer Ihrem und meinem Leben gibt. Gott will jeden einzelnen von uns für Zeit und Ewigkeit gewinnen, und dafür hat er seinen Sohn sterben lassen.
Bei einem Streifzug durch Manhattan habe ich als junger Mann die Bowery entdeckt, die Elendsstrasse von New York, die unten in China Town endet. Mitten auf der Bowery gibt es eine kleine Missionsstation, in der mehrmals am Tag Gottesdienste für diese Elenden angeboten werden, die dort als Betrunkene in den Eingängen oder auf den Treppen liegen. Eines Abends predigte dort ein junger Mann. Er sprach ohne Konzept, die Bibel war aufgeschlagen, Tränen standen in seinen Augen. Er versuchte mit höchster Eindringlichkeit, diese verkommenen, schmutzigen, stinkenden Menschen für Gott zu gewinnen. Ich habe noch nie jemanden mit einer solchen Überzeugungskraft reden hören. Danach fragte ich ihn: «Wo haben Sie so predigen gelernt?» Er antwortete: «Ich stamme aus einer Trinkerfamilie. Mein Vater hat jeden Abend unser Mobiliar zerschlagen und meine Mutter verprügelt. Eines Abends fiel er dabei um und war tot. Meine Mutter ist eine Hure. Sie lebt hier in der Bowery, und sie schläft mit jedem Mann für einen Schnaps. Ich weiss, dass ich eines Abends meine Mutter hier vorfinden werde. Und ich bereite mich darauf vor, meine Mutter zu Christus zu führen.»
Zunächst war ich traurig, dann rebellierte ich gegen Gott: «Herr, der Preis ist zu hoch, den dieser junge Mann zahlt, um für den Job eines Rufers in der Wüste fit gemacht zu werden.» Doch Gott sagte zu mir: «Für mich ist kein Preis zu hoch, wenn es darum geht, Menschen für die Ewigkeit zu gewinnen. Ich habe auch für dich, Siegfried Buchholz, einen hohen Preis bezahlt. Rede mit mir nicht über Preise!» Der gütige, aber auch souveräne Gott, dem meine Zukunft ohnehin gehört, hat seine eigenen Wege, mich ans Ziel zu führen.
In der Bibel ist beschrieben, dass Gott einen festen Plan mit den Menschen hat. Dieser Plan beinhaltet einen Prozess: Gott hat immer mehr mit uns vor als wir mit uns selbst. Er traut uns auch in der Regel mehr zu als wir uns selbst. Deshalb mutet er uns manchmal auch mehr zu als wir uns selbst. Das macht ein Leben mit Gott spannend. Gott will, dass wir auf die Zukunft gut vorbereitet sind. Gottes Programm ist dynamisch, es gibt immer wieder neue Aufbrüche. In unser Herz ist dazu eine Art von «heiliger Unruhe» gegeben. Diese Unruhe ist bei vielen Menschen durch Wohlstand und Besitz zum Schweigen gebracht worden. In diesen Fällen ist ein Aufbruch oft an einen Zerbruch gebunden. Auch das gibt es, es muss aber nicht so sein. Augustin hat schon vor 1600 Jahren gesagt: «Unruhig ist unser Herz in uns, bis es endlich Ruhe findet, Gott, in dir.» Diese heilige Unruhe ist offensichtlich auch ein Teil der göttlichen Investition in unser Leben.
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Quelle: Christ&Wirtschaft 1/2000