

Unbefangen betrat ich anlässlich der Jahresversammlung der Vereinigung Fotografischer GestalterInnen im Fotomuseum Winterthur die Sammlung Österreichischer Fotografie. Die ausgestellten Werke zeigten nackte Frauenkörper, blutüberströmt unter aufgeschlitzten Tieren liegend, intime männliche Körperteile, eingehüllt in tierische Kadaver. Ich gestehe, lange setzte ich mich nicht mit diesem ‘Wiener Aktionismus’1 auseinander. Aber diese kurzen Eindrücke hinterließen Spuren und Fragen. Wie definiert sich Kunst? Ist das, was wir auf Ausstellungen zu Gesicht bekommen, nicht auch ein Abbild unserer Gesellschaft, die an Wertezerfall und Orientierungslosigkeit leidet?
Aus juristischer Sicht kann nicht jedes Foto, jedes Geklecksel und kleine Sprachwerk als Werk persönlicher und geistiger Schöpfung betrachtet werden, sondern nur solche Erzeugnisse, die eine nicht unerhebliche ‘Schöpfungshöhe’ besitzen. Wann diese ‘Schöpfungshöhe’ erreicht ist, lässt sich jedoch nicht so leicht ermitteln. Mit dem Ende der Auftragskunst, seit der Französischen Revolution, hat die Kunst keine klare Aufgabe mehr. Die Ästhetik ist als wesentliches Kriterium zur Beurteilung von Kunst verschwunden. Die Künstlerin Pipilotti Rist definiert Kunst pragmatisch: Im Zweifelsfalle siege die Stimme der Mehrheit. «Wenn von sechs vier das Werk gut finden und zwei nicht, wird es wohl eher gute Kunst sein.»2
Zeitgenössische Kunst ist keine Randerscheinung. Die Kunstmärkte boomen, die Preise schnellen in Millionenhöhe. Sammler, Händler, Kuratoren und Künstler in einflussreichen Positionen entscheiden darüber, was wertvoll ist und was nicht. So populär die Gegenwartskunst einerseits ist, und dazu gehört auch die Kunst, die in den 1960er Jahren entstanden ist, so undurchschaubar ist sie andererseits. Ein Kriterium für gute Kunst ist heute, ob das Kunstwerk eine eigene, neue Sprache spricht, etwas so sagt, wie es vorher noch nicht gesagt wurde. Zum anderen darf ein Bild keine einfache und eindeutige Aussage transportieren, wie dies in der Werbung der Fall ist. In der Tat, wenn man Dinge in der Darstellung offen lässt, wird der Betrachter stimuliert, sich Fragen zu stellen. Er muss für sich eine Sichtweise der Dinge aushandeln, die er gesehen hat. Anders als über Jahrhunderte hinweg wird der Schönheit kein Gewicht beigemessen. Das Gute in der Bildenden Kunst ist nicht mehr das Schöne; das Streben nach Neuheit und nach dem Bruch von Konventionen hat der Ästhetik den Platz streitig gemacht.
Betrachtet man das Leben von Künstlern, so zeichnen sich durch die Geschichte hindurch oft gewisse Parallelen ab. Stefan Zweig zeigt in seinem Werk ‘Der Kampf mit dem Dämon’ die Schicksale Hölderlins, Kleists und Nietzsches auf. Alle drei wurden von einer übermächtigen Macht in einen vernichtenden Zyklon der Leidenschaft gejagt und endeten vorzeitig in einer Zerstörung des Geistes, in Wahnsinn oder Selbstmord. Keiner der drei hatte Frau und Kind. Sie waren nomadische Kreaturen, nirgends verwurzelt.
Dieser uneingeschränkte und bestimmende, den Menschen voll gefangen nehmende Verzehrungscharakter ist bei vielen Künstlerexistenzen anzutreffen. Van Goghs materielle Existenz wurde im Laufe der Jahre immer schwieriger. Er hungerte, litt an Halluzinationen; Todesahnungen quälten ihn. Die wilde Exaltation beim Malen rettete ihn vorübergehend vor der Verzweiflung. Doch auch hier stand der Suizid am Schluss seines kurzen Lebens.
Mit 39 Jahren schrieb Richard Wagner: «Meine Nerven sind bereits in voller Abzehrung begriffen; vielleicht gelingt es einer äußeren Wendung meiner Lebenslage, den Tod mir künstlich noch einige Jahre abzuhalten.» Der Wunsch, von der Kunst loszukommen, ‘leben’ zu dürfen, tauchte immer wieder in seinen Briefen auf. So auch Gustav Mahler, der nervlich sehr überreizt war. Er litt an irrsinnigen Kopfschmerzen und um gegen diese anzukämpfen, tauchte er zwischendurch seinen Kopf ins kalte Wasser. Unter Alkoholmissbrauch oder Drogenkonsum litten Edgar Allan Poe, Samuel Taylor Coleridge, Alfred de Musset, Amadeo Modigliani, Oscar Wilde, Jan Ladislav Dusík, Ludwig van Beethoven, E. T. A. Hoffmann, Franz Schubert und andere. An Schizophrenie, Paranoia oder Melancholie waren u.a. Torquato Tasso, Jean-Jacques Rousseau, Franz Schubert, Frédéric Chopin, Franz Liszt, Gioachino Rossini, Molière, Friedrich Hölderlin, Vincent van Gogh erkrankt.3 Diese Aufzählung könnte man ins Uferlose treiben. Sie soll lediglich illustrieren, in welchem Spannungsfeld sich ausgeprägte Künstlernaturen bewegen. Beim Betrachten von Künstlerbiografien sind nicht nur diese erwähnten pathologischen Begleiterscheinungen auffällig, sondern auch exzessive Lebensformen signifikant. Wagner sagte beispielsweise: «Die Liebe in vollster Wirklichkeit ist bloß innerhalb des Geschlechts möglich.»
Als Gegenbeispiel dient Goethe. Er sagte allem fieberhaften Schaffen, dem Maßlosen, der Rauschkunst ab. Goethe wurzelte fest, hatte Frau und Kind, Amt und Würde. Die Frage nach dem Stellenwert des schöpferischen Gestaltens in seinem Leben wurde zur zentralen Frage. Goethe fühlte die Kunst als einen Teil, als eine der tausend schönen Formen des Lebens.
Auch bei den Bachs erholte man sich in der Familie von Krisen, plötzlichen und unvermuteten Ausbrüchen des Genies, von Kämpfen und trügerischen Hoffnungen, an denen sonst so viele bedeutende Köpfe im ewigen Kampf des Schaffens mit der Materie zugrunde gingen. Der Glaube an Gott stand bei Johann Sebastian Bach im Mittelpunkt seines Lebens.
Von diesem Mittelpunkt aus hielt er all die Kräfte im Gleichgewicht. Sein Schaffen war gegenwartsbezogen. Er vermochte selbst die schmerzlichsten Schicksalsschläge zu meistern, ohne sein inneres Gleichgewicht zu verlieren. Der Strom genialer Eingebung überfiel ihn nicht sprunghaft wie andere und brachte ihn auch nicht aus der Fassung.
Aus diesen kurz aufgezeichneten Lebensgeschichten lässt sich folgendes schließen: Dem Stellenwert, den das schöpferische Gestalten einnimmt, wird zentrale Bedeutung beigemessen. Ob einer die Kunst über das Leben stellt oder ob sie ein Teil der ‘tausend schönen Formen im Leben’ ist‚ wird zum entscheidenden Kriterium für Scheitern oder Gelingen. Hinzu gesellt sich ein weiterer Aspekt unseres allzu menschlichen Daseins: Sinnvoll scheint uns offensichtlich das Leben erst dann, wenn es einen Namen bekommt, wenn wir Ansehen, Ruhm und Ehre auf einem Gebiet erlangen. Der Erfolg wird oft zum Fallstrick, und mancher, der vom Erfolg träumt, endet in Verbitterung.
Szenenwechsel. Mit meiner Frau besuchte ich ein Konzert in unserer Nähe. Wir freuten uns darauf, verhieß das Line-up doch einen interessanten Abend. Anfänglich war ich beeindruckt vom Können der jungen Jazzmusiker der Berner Szene unter der Leitung eines gestandenen Bassisten. Doch die Virtuosität vermochte mich nicht zu berühren. Es war so, als plätscherten die Töne an mir herunter wie das Wasser bei einem auftauchenden Blässhuhn. Meiner Frau erging es gleich. Am Ende verließen wir innerlich leer den Konzertsaal. Zweifelsohne sind für einen guten Musiker handwerkliche Fähigkeiten unabdingbar. Je weiter diese Fähigkeiten ausgebildet sind, desto nuancierter und facettenreicher sind seine musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. Doch die Persönlichkeit, die sich hinter einem Virtuosen versteckt, schwingt gewichtig mit. Was der Mensch aufnimmt, kommt auch wieder aus ihm heraus. Das Innere eines Menschen bahnt sich mittels der Kunst einen Weg an die Öffentlichkeit. Das Kunstwerk, sei dies in der Bildenden Kunst oder in der Musik, spiegelt einen Teil des Künstlers wider. Dies ist mitunter auch bei dem relativ einfachen Handwerk der Fotografie das Faszinierende. Die Kamera fängt die Realität ein, doch es ist nur ein Ausschnitt von Raum und Zeit und ist insofern eine Interpretation der Welt, gleich wie auch ein Gemälde. Ein gutes Porträt zeigt auch etwas vom Fotografen. Der Mensch kann sich hinter seinem Kunstwerk nicht verstecken.
Auf einer Edvard-Munch-Ausstellung hörte ich aus einiger Distanz Klaviermusik von einer Videoinstallation. Erstaunt darüber, wie mich diese, mir nicht so geläufige Musik berührte, stellte ich mir die Frage, wieso diese Musik den Weg in mein Herz fand. Waren es die düsteren, depressiv stimmenden Bilder von Munch, die den Weg für die Musik ebneten? Oder war es meine von klassischer Musik geprägte Kindheit, die da mitschwang? Beim vorhin erwähnten Jazzkonzert liegt es mir fern, Menschen zu kritisieren. Warum aber vermag die eine Musik mich zu berühren, während die andere eher eine Leere hinterlässt?
Musik ist Kommunikation. Eine funktionierende Kommunikation benötigt einen Sender und einen Empfänger, die aufeinander abgestimmt sind. Wofür mein Empfänger sensibel ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Sicherlich spielt dabei die musikalische Prägung der Kindheit, die Klänge, die mich in den ersten Jahren umgeben haben, eine nicht geringe Rolle. Hörgewohnheiten bilden ein weiteres Kriterium. Musik, die meinem Ohr fremd ist, gefällt mir erst nicht. Setze ich mich jedoch damit auseinander, gewöhnt sich mein Ohr an das Fremde und kann Gefallen daran finden. Musik vermittelt, profan ausgedrückt, Lebensgefühl. Das Bedürfnis nach mehr oder weniger Rhythmus ändert sich mit unserer Tagesform.
Ist für den Klang ein Ensemble zuständig, und in diesem Punkt unterscheidet sich die Musik von der Bildenden Kunst wesentlich, entscheidet das Miteinander beim Senden einer Botschaft. Diesbezüglich sind sich Musik und moderner Fußball ähnlich – den Grundstein für den ‘Erfolg’ bildet das Wir und nicht das Maß der individuellen Klasse.
Im ersten Buch der Bibel wird berichtet, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat.4 Die ganze Schöpfung, von den großen Kräften, die sich die Waage halten bis hin zu einem einzelnen Haar eines Eisbären, das der Forschung als Vorbild für exzellente Isolation dient, zeugt von der Kreativität Gottes. Im Brief an die Römer schrieb Paulus, dass die Menschen die Macht und Größe Gottes anhand seiner Werke der Schöpfung sehen und erfahren können.5 So tragen auch wir ein Schöpfungspotenzial in uns. Wir können und sollen etwas von der Kreativität Gottes widerspiegeln. Dieses schöpferische Potenzial im Menschen ist eine Kraft mit großer Dynamik. Diese kreative Kraft strebt beständig nach Neuem. Sie birgt eine Ruhelosigkeit in sich und hadert mit dem Wunsch nach Perfektion und Vollendung.
In einem Interview der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) anfangs dieses Jahres gab der amerikanische Jazzgitarrist Pat Metheny auf die Frage, ob er sich seine älteren Platten noch anhöre, folgende Antwort: «Da halte ich es so wie die meisten Jazzer: Lieber gehe ich zum Zahnarzt, als dass ich freiwillig eine untermeiner Platten höre. Und wenn ich dann rein zufällig eine meiner Aufnahmen im Radio höre, kann es passieren, dass ich mich zunächst nicht erkenne. Meistens gefällt es mir dann ein paar kurze Momente lang. Aber sobald mir klar wird, dass ich das bin, tritt wieder dieser seltsame Mechanismus in Kraft: Dass ich lieber zum Zahnarzt ginge, als diese Aufnahmen hören zu müssen.»6
Dem Schöpfungsbericht aber entnehmen wir, dass Gott sich jeweils das Geschaffene ansah und es für sehr gut hielt.7 «Am siebten Tag hatte Gott sein Werk vollendet, das er gemacht hatte; und er ruhte an diesem Tag von all seinem Werk, das er gemacht hatte.»8 Die Ruhe gehört zur Vollendung und ist eng damit verbunden. Wohl dem Menschen, der in diesem Sinne seine Werke abzuschließen vermag und aus einer inneren Ruhe und Distanz sich an dem Geschaffenen freuen kann. Gott erschuf die Welt aus dem Nichts; unsere Kreativität indes beschränkt sich auf das, was bereits erschaffen worden ist. Das Ziel der Sprache der Kunst besteht darin, zu kommunizie ren. Als Gottes Werk wird somit unser vergängliches Werk Teil seiner Werke und bezeugt seine Größe und Macht.
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1 Als Wiener Aktionismus wird eine Bewegung der
modernen Kunst bezeichnet, in der eine Gruppe
von Wiener Künstlern in den 60er und 70er Jahren
das Konzept der amerikanischen Happening- und
Fluxus-Kunst aufgriffen und auf äußerst provokante
Weise umsetzten.
2 NZZ Folio, die Zeitschrift der Neuen Zürcher Zeitung,
Mai 2008
3 Ausschnitte teilweise zitiert nach Wilhelm Lange-
Eichbaum, Wolfram Kurth ‘Genie, Irrsinn, Ruhm’.
4 1. Mose, Kapitel 1, Satz 27
5 Römerbrief, Kapitel 1, Satz 20
6 NZZ Online, 8. Februar 2008
7 1. Mose, Kapitel 1, Satz 31
8 1. Mose, Kapitel 2, Satz 2

CH-Wädenswil
verheiratet mit Lela Jungck, Dr.med., Vater von vier Kindern im Alter von 5 bis 13 Jahren, nach einer Ausbildung als Physiotherapeut und nach Studienjahren an der Jazzschule in Basel nahm er 1994 als Autodidakt die Tätigkeit als Grafiker auf; Ausbildung als Fotograf; Mitinhaber der Firma fortissimo : think visual AG
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