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Die IVCG

 
Ausgabe 08/08 

Mängelexemplare

Schlendern in der Fußgängerzone einer größeren Stadt – ich freue mich an Schaufensterauslagen, beobachte andere Menschen, esse ein Eis und lasse mich treiben. Je nach persönlichem Interesse komme ich schnell oder langsam voran. Mein Schritt beschleunigt sich bei Einrichtungshäusern und bei modischem Accessoire für Jugendliche, bei Schmuck für Frauen und bei Kinderspielzeug, verlangsamt sich allerdings bei Spielzeug für Erwachsene (MP3-Player, Kleincomputer, Kommunikationsmedien) und bei Musikläden; bei Antiquariaten und Buchhandlungen wird das Vorbeigehen schwierig. Hinein in den Laden! Mit jedem ausgestellten Titel öffnet sich eine neue, eigene Welt. Auch hier sind nicht alle Auslagen ansprechend, aber doch so, dass beim einen oder anderen eine Entscheidung gefordert wird: hineinschauen oder nicht? Und dann: zurück legen oder kaufen? Schnell wird geprüft: Willst du das Buch wirklich lesen oder freust du dich nur am Besitz? Hast du überhaupt noch Platz für solche Bücher? Und: wie lange wirst du es heute noch mit dir herumtragen? Viermal, siebenmal, zehnmal schon hast du dich schweren Herzens von einem Buch in deiner Hand verabschiedet – bis dich der eine Titel förmlich anlacht. Der Autor interessiert dich, du hast Rezensionen gelesen, ein Freund hat davon geschwärmt. Der Preis ist schon fast unanständig billig, drei statt siebzehn Euro ... Zuhause legst du das kleine, schmucke Buch zu den anderen. Nun erst entdeckst du den Stempel auf der unteren Schnittfläche: ‘Mängelexemplar’. Du machst dich auf die Suche. Wenn du Glück hast, erkennst du den Mangel sofort: eine eingestauchte Ecke oder eine Verfärbung im Schutzumschlag. Ganz schlimm wäre es, wenn nach Seite 32 erneut die Seiten 17 bis 32 kämen, und dann die Seite 49 – aber diese Art von Mängelexemplaren werden nicht einmal zu reduzierten Preisen verkauft, sondern entsorgt.


Und wenn ich nun gar keinen Mangel erkenne? Stimmt das Buch inhaltlich nicht? Sind Zahlen vertauscht, Namen falsch geschrieben? Enthält es wissenschaftliche Irrtümer? Das Interesse ist geweckt – auf die Seite legen kommt nicht mehr infrage!


Das Wort Mängelexemplar hat es in sich. Mir wird plötzlich bewusst, dass wir Menschen ja selber Mängelexemplare sind. Und zwar in der doppelten Bedeutung des Wortes: unvollkommene Wesen, mit vielen sichtbaren und noch mehr unsichtbaren Mängeln, Fehlern, Fehlhaltungen – dies zu entdecken bedarf nur eines Blicks in den Spiegel!


Die andere Bedeutung des Wortes ist noch interessanter: dass wir als Mängelwesen auf die Welt gekommen sind. Das Baby schreit nach Milch und Wärme, der kleine Junge nach Anerkennung, ja Bewunderung.


Die Anthropologen sagen uns, dass diese Mängel und der Umgang damit den Menschen bis ans Lebensende begleiten, ja vielfach prägen. Wenn ich manchmal im Gespräch die Reaktion eines Menschen nicht verstehe, frage ich mich still: Warum tut er das? Welcher Mangel prägt ihn oder sie? Manchmal liegen die Einsichten auf der Hand, manchmal nicht.

Wie geht Gott mit dem Mangelwesen Mensch um? Die Antwort auf diese Frage ist nicht ganz einfach. Als vier Männer ihren lahmen Freund zu Jesus bringen, macht er ihn nicht ‘einfach so’ gesund.1 Erstaunlicherweise spricht er ihm zuerst die Vergebung seiner Sünden zu (und geht auf diese Weise mit dessen unsichtbaren Mängeln, Fehlern und Fehlhaltungen um). Das religiöse Establishment ist schockiert! Und dann geht er auch den sichtbaren Mangel des Mannes, dessen Lähmung, an. Er berührt ihn und spricht ihm das Ende der Lähmung zu. «Im gleichen Augenblick stand der Mann vor aller Augen auf. Er nahm die Tragbahre, auf der er gelegen hatte, und ging heim, Gott lobend und preisend. » Ist das heute noch möglich? Ja, zweifellos. Gott überwindet die Kluft, die Trennung, den versteckten und den offenen Mangel (die Sünde); aber wir bleiben bis ans Lebensende Mängelwesen. Wir bleiben sündhafte Menschen, geprägt von Unvollkommenheit, Krankheit, misslichen Umständen, Mängeln. Und wenn Gott in diesen Bereichen handelt (er tut es immer noch!), geschieht dies in der Regel bei einzelnen Menschen und nicht in der großen Masse. Die Vollkommenheit (ohne jeglichen Mangel) ist uns versprochen – aber erst nach dem irdischen Leben.

Ist deshalb Resignation angesagt? Ganz sicher nicht! Ich lese aus jeder Seite der Bibel den ausgesprochenen und unausgesprochenen Satz: «Gott liebt Mängelexemplare.» Er schreibt mit Mängelexemplaren Geschichte; er freut sich, wenn sich Mängelwesen ihm zuwenden und ein vertrauensvolles Leben an seiner Hand wagen (dies ist eine vereinfachende Beschreibung dessen, was es heißt, Christ zu sein).

Die IVCG, Herausgeberin dieser Zeitschrift, besteht ausschließlich aus Mängelexemplaren. Was uns von anderen unterscheidet, ist die Erkenntnis, dass sich schon heute ein erfülltes Leben in Gelassenheit und Freude leben lässt. Das ist derart motivierend, dass wir diese Erfahrung unseren Freunden weitersagen möchten! Dabei geht es – wie immer in der IVCG – weder um Dogmatik noch um eine Kirchenzugehörigkeit noch einen bestimmten Frömmigkeitsstil. Alle Anlässe der IVCG (Vortragsveranstaltungen, Gesprächsrunden, Sinnbörsen, Seminare etc.) sind darauf ausgerichtet, anderen Menschen in verantwortlicher Stellung zu zeigen: Ein Leben als Nachfolger von Jesus Christus lohnt sich! Weitere Informationen über die IVCG erhalten Sie unter www.ivcg.org.

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1 Es lohnt sich, die ganze Geschichte zu lesen: Lukas-Evangelium, Kapitel 5, Sätze 17 bis 26

Der Autor

Christoph Wyss

Christoph Wyss

CH-Bern

Fürsprecher/Rechtsanwalt, Präsident der IVCG

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