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Die IVCG

 
Ausgabe 10/02 

Die Flugzeugkatastrophe am Bodensee

 

Wir alle haben die erschütternde Nachricht aus dem Fernsehen und der Presse erfahren: Am 1. Juli 2002 sind im Bodenseegebiet in der Nähe von Überlingen zwei Flugzeuge zusammengestoßen und abgestürzt – dort, wo sich unsere drei DACH-Länder (Deutschland, Österreich, Schweiz) berühren. 71 Menschen fanden den Tod. Die meisten waren russische Kinder und Jugendliche, die sich auf einem Flug von Moskau nach Barcelona zu einem Ferienaufenthalt in Spanien befanden.

Meine erste Reaktion war Bestürzung und Entsetzen über den plötzlichen, sekundenschnellen Tod so vieler ganz junger Menschen, ebenso Sympathie und Mitgefühl mit den Eltern und anderen Angehörigen bei ihrer Trauer über dieses unfassbare Ereignis. Hat jemand ihnen die Gewissheit vermittelt, dass dieses Geschehen nicht das Ende ist? Dass es jenseits des Todes Gottes herrliche Ewigkeit gibt und dass die Fragen nach Leid und Gerechtigkeit, die heute für uns offen bleiben, erst dort ihre endgültige Antwort finden werden, wo seine unendliche Liebe alle Tränen abwischen wird?

Meine zweite, nahe liegende Reaktion war die Frage nach den Ursachen. Sie nahm ja zu Recht in den Medien einen breiten Raum ein. Die Flugschreiber wurden ausgewertet, beteiligte Personen befragt, Leichen und Trümmerteile gerichtlich untersucht, dies alles mit dem Ziel, die letzte, entscheidende Minute vor der furchtbaren Kollision zu rekonstruieren und eine Wiederholung möglichst auszuschließen. Denn offensichtlich haben hier alle die hoch entwickelten elektronischen Systeme der Flugsicherung versagt, die die Technik zur Verhinderung solcher Katastrophen installiert hat.

War es menschliches Versagen? Die zuständige Staatsanwaltschaft in Zürich wird dies zu klären suchen. In der präzisen Terminologie des Strafrechts sprach sie bei der Eröffnung ihres Ermittlungsverfahrens von fahrlässiger Tötung in 71 Fällen. Es geht also um die Frage nach der Schuld eines oder mehrerer Menschen. Mit Spannung warten Millionen auf das Ergebnis dieses Verfahrens.
Doch gibt es bei mir noch eine dritte Reaktion. Sie wird jeder verstehen können, der wie ich die Erfahrung von Schuld und Vergebung kennt. Ich meine ein Mitempfinden mit denen, die hier schuldig geworden sind. Ganz gewiss haben sie nicht damit gerechnet, dass ihr Verhalten in der Verkettung mit all den anderen unglücklichen Faktoren diese grauenvollen Folgen nach sich ziehen würde. Schuld aber kommt mitunter auch durch scheinbar kleine Versäumnisse und Schwächen zu Stande, die uns in einer unachtsamen Minute überfallen.

Nicht immer führt dies gleich dazu, dass Menschen umkommen. Aber dennoch hinterlässt unsere Schuld mitunter Schaden im Leben anderer und nicht zuletzt auch in unserem eigenen. Vor allem ist jede unvergebene Schuld eine Störung unserer Beziehung zu Gott – mit schlimmen Folgen in diesem Leben und in der Ewigkeit. Hier besteht ein geistlicher Zusammenhang zwischen böser Saat im Kleinen und furchtbarer Ernte im Großen.

Und die Konsequenzen für uns? Zum einen brauchen wir eine tief greifende Vergebung für unser Versagen. Dies wird besonders dann deutlich, wenn wir einsehen müssen, dass wir ihre ungeheuren Folgen nicht selbst beheben können, weder die äußeren noch die inneren. Deshalb brauchen wir Jesus Christus, der durch seinen Tod am Kreuz für unsere persönliche Schuld gebüßt hat. Denn nur denen wird ihr Fehlverhalten vergeben, die sich Hilfe suchend, betend an Gott wenden und dabei dieses Opfer seines Sohnes in vertrauendem Glauben annehmen.

Aber mir scheint, noch eine zweite Konsequenz aus der geschehenen Katastrophe ist unbedingt geboten: Sollte sie nicht für uns eine Mahnung sein, unsere Verantwortung vor Gott und den Menschen viel gewissenhafter wahrzunehmen als bisher? Schließlich geht es auch um die Treue gegenüber den Verpflichtungen, die wir übernommen haben, sei es im Beruf, in der Ehe und Familie, in der Gesellschaft und nicht zuletzt in den christlichern Kreisen, denen wir verbindlich angehören. Stets sollten wir an den Schaden denken, den wir anderen durch Unzuverlässigkeit oder Untreue zufügen. Denn wirkliche Liebe zu Gott setzt sich in echte Nächstenliebe um, und diese zeigt sich konkret mitten im Alltag, sei es bei der Flugsicherung oder an anderen Stellen unseres Handelns. Für mich liegt in dieser Herausforderung der wichtigste Sinn des Unglücks von Überlingen.

Der Autor

Bodo Volkmann

Prof. Dr. rer. nat. Bodo Volkmann

D-Möglingen

verheiratet mit Waltraut Volkmann, vier Töchter, sieben Enkelkinder, Emerit. Ordinarius für Mathematik der Universität Stuttgart

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