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Die IVCG

 
Ausgabe 03/07 

Die Geschichte und das Individuum

 

Herr Dr. Engeli, Sie haben ursprünglich Geschichte studiert und unterrichtet und arbeiteten später als Psychologe. Was lernt der Mensch aus der Geschichte?

Der Mensch könnte aus der Geschichte lernen, da Lernfähigkeit zu den zentralen Merkmalen des Menschseins gehört. Die Frage ist, ob er es will und tut. Ich habe den Eindruck, dass die Menschheit aus ihren Erfahrungen wenig gelernt hat. Lesen wir historische Texte oder die Bibel, finden wir uns in diesen Texten wieder und merken, dass sich das Wesen des Menschen nicht grundsätzlich verändert hat. Natürlich wurden in verschiedenen Bereichen wie Gesundheit, Menschenrechte, institutionelle und politische Entwicklung Fortschritte erzielt. Grundsätzlich jedoch verhält sich der Mensch in seinen Beziehungen und dem Leben gegenüber heute nicht anders als früher.

Inwieweit prägt die Geschichte ein Individuum?

Der Mensch ist ein von seiner Geschichte geprägtes Wesen. Was ich jetzt bin, hat damit zu tun, welcher Familie ich entstamme, welche Erfahrungen ich gemacht habe, aber auch mit der Art, wie ich die Erfahrungen verarbeitet oder eben nicht verarbeitet habe. Wenn ein Individuum seine Vergangenheit verarbeitet, sich ehrlich mit ihr auseinandersetzt, sich mit ihr versöhnt, dann wird die Vergangenheit zu einer Stärkung. Eine unverarbeitete Vergangenheit jedoch gehört zu den größten Nöten des Menschen, weil sie die Gegenwart blockiert und den Weg in die Zukunft versperrt.

Warum tun sich Menschen mit dieser Verarbeitung so schwer?

Die Unfähigkeit, sich der Vergangenheit zu stellen, hat mit Hilflosigkeit zu tun. Ein Mensch kann seine Vergangenheit nur ehrlich angehen, wenn er weiß, wie er sich konstruktiv damit auseinandersetzen kann. Verdrängung oder Einkapselung im Sinne von «darüber spreche ich nicht mehr», funktioniert nicht. Dazu ein persönliches Beispiel: Im Jahr 2001 starb unser 30-jähriger Sohn an Krebs. Mich damit zu versöhnen hieß, ein Ja zu seinem Tod zu finden, zu sagen: Ich bin einverstanden damit, dass dies Gottes Weg für ihn war. Aber auch: Ich höre auf, mich dagegen aufzulehnen. Dies ist nur möglich, wenn ich weiß, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken.1 Dann kann ich darauf vertrauen, dass aus diesem Tod für alle Betroffenen Gutes entsteht.

Heißt das, dass Versöhnung ohne Glauben nicht möglich ist?

Nein, das würde ich nicht sagen. Es ist eindrücklich, dass alle Menschen lieben, vergeben oder sich versöhnen können. Weil Gott allen Menschen Gutes tun will, wacht er darüber, dass ihnen gewisse Möglichkeiten eines konstruktiven Umgangs mit den Schwierigkeiten des Lebens nicht verloren gehen.

Zum Thema Versöhnung ist anzufügen, dass es auch Situationen gibt, wo andere Menschen an uns schuldig geworden sind. Wenn wir uns mit diesen Erfahrungen versöhnen wollen, müssen wir uns bewusst entschließen, diesen Menschen zu vergeben. Sonst werden wir bitter, und die unvergebenen Situationen fressen uns innerlich auf wie eine Säure. Sie machen uns lebensunfähig.

Inwieweit ist der Mensch in seiner Entwicklung von der Gesellschaft oder dem Umfeld abhängig?

Gesellschaftliche Wertsysteme prägen uns. Der Mensch ist gesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt, beispielsweise durch die Medien. Er kann jedoch lernen, bewusst damit umzugehen, resp. ein Gegengewicht zu setzen. Er hat die Möglichkeit, die prägenden Kräfte auszuwählen, denen er sich aussetzen will. Bereits die Bibel gibt uns den Rat, darauf zu achten, welche Freunde wir haben, weil diese uns prägen.

Sie zitieren die Bibel. Sie erzählt von Menschen und Problemen, die den unsrigen sehr ähnlich sind. Es scheint, dass sich zwar die Kultur verändert hat, der Mensch jedoch nicht. Was ist der Grund dafür?

Es gibt einen doppelten Grund. Zum einen hat Gott den Menschen geschaffen nach seinem Bild. Er hat gewisse Merkmale seines Wesens in seine Geschöpfe hinein gelegt; und diese sind ein Stück weit unzerstörbar. Ich spreche dabei von der Liebesfähigkeit, der Erkenntnisfähigkeit und der Lernfähigkeit. Das sind Grundwesenszüge, mit denen Gott uns Menschen ausgestattet hat.

Dazu kommt nun aber der zweite Punkt, nämlich das Ereignis, das die Bibel Sündenfall nennt. Dadurch kam etwas Zerstörerisches in das Wesen und die Beziehungen der Menschen hinein, das uns ebenso stark prägt wie unsere Ähnlichkeit mit Gott. Durch den Sündenfall sind alle Beziehungen kompliziert geworden. Dort findet sich die Wurzel aller Not. Dort setzt auch das Gesetz der Perpetuierung ein. Dieses Gesetz bedeutet, dass wir das Ungute von Generation zu Generation weitergeben: Was uns geschehen ist, tun wir auch den andern wieder an; wo wir nicht geliebt worden sind, können wir auch andere nicht lieben. Aus dieser Gesetzmäßigkeit heraus braucht der Mensch Erlösung. Durch die Menschwerdung seines Sohnes und dessen Tod am Kreuz hat Gott diese Erlösung bewirkt und bietet sie uns an.

Dann hat die Bibel heute noch Gültigkeit für uns?

Ja, das hat sie. Weil der Mensch durch alle Zeiten hindurch bis heute eigentlich gleich geblieben ist – mit denselben Bedürfnissen, Nöten und Sehnsüchten – spricht ihn die Bibel noch immer an. Sie spricht zum Herzen des Menschen, das sich nicht verändert hat.

Für die Herzensebene verwendet das Neue Testament manchmal auch das Wort Gesinnung. Gott will uns in unserer Gesinnung umgestalten.2 Wer das Angebot der Erlösung bewusst annimmt, dem öffnet sich ein göttlicher Weg zur Veränderung, auf dem er nicht mehr allein unterwegs ist.

Spannend ist, wie Gott die Zerstörung, die durch den Sündenfall in die Welt kam, überwunden hat. Er hat sich entschlossen, den Mensch nicht zu reparieren, sondern neu zu schaffen. 3 Dadurch will Gott uns wieder fähig machen, Gutes zu tun, und bereitet auch die guten Werke schon für uns vor. Erlösung bedeutet also, dass sich der Weg vor uns öffnet, damit wir so werden können, wie Gott uns eigentlich gemeint hat.

Kritiker könnten sagen: Ich will selbst entscheiden, welchen Weg ich gehe!

Das dürfen sie auch. Gott zwingt niemanden. Seine Erlösung ist ein Angebot. Wie im Supermarkt: Ich muss die Aktions-Schokolade nicht kaufen, das Angebot jedoch besteht.

Damit das, was Jesus für uns getan hat, wirksam werden kann, braucht es unser freiwilliges, grundsätzliches Ja.

Was veranlasst Sie, die Bibel in Ihrem privaten Leben wie auch beruflich als Therapeut ernst zu nehmen und daran zu glauben?

Ich glaube nicht an die Bibel, sondern an Gott. Ich glaube, dass Gott vertrauenswürdig ist und dass er ein Interesse daran hat, uns seine Wahrheit auf sichere, zuverlässige und verständliche Art weiterzugeben. Deshalb ist die Bibel für mich der Ort, wo ich Gottes Wahrheit erfahren kann.

Durch mein Psychologiestudium fand ich für vieles, was in der Bibel steht, Bestätigung. Denn eigentlich kann die Psychologie nur entdecken, was Gott geschaffen hat. Die Psychologie kann das Äußere erforschen, unsere Reaktionen, das Lernverhalten, soziales Verhalten; den Kern des Menschen kann sie jedoch nicht erfassen. Deshalb wurde mir die Bibel während des Studiums immer wichtiger. Ich wusste: Gott muss für seine Geschöpfe Hilfsangebote haben, die die Psychologie nicht kennt. Ich habe sie entdeckt! Die Bibel ist voll von göttlichen Angeboten und Ratschlägen. Wenn Jesus sagt: «Jeder Tag hat seine eigenen Lasten »,4 ist dies ein Rat von zentraler Bedeutung für unser psychisches Gleichgewicht: Lebe heute! rät uns Gott. Wer mit seiner Vergangenheit unversöhnt ist, nimmt die Lasten von gestern und vorgestern in die Last von Heute mit hinein. Dies macht ihn unfähig, heute zu leben. Ein anderer göttlicher Ratschlag fordert uns auf, die Sorgen abzuwerfen. 5Wer die Angst vor der Zukunft in den heutigen Tag hinein nimmt, kann schwerlich im Heute leben.

Die Bibel ist voller göttlicher Weisheit, von der wir lernen können. Gottes Wort macht uns unzählige Angebote, weil Gott ein Ziel hat: Unser Wohlergehen.

Interview: Ursula Costa

 

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1 Römerbrief, Kapitel 8, Satz 28

2 Römerbrief, Kapitel 12, Satz 2

3 Epheser, Kapitel 2, Satz 10

4 Matthäus, Kapitel 6, Satz 34

5 1. Petrus, Kapitel 5, Satz 7

 

Der Autor

Dr. phil. Manfred Engeli

Dr. phil. Manfred Engeli

CH-Kehrsatz-Bern

verheiratet mit Fleurette Engeli, fünf erwachsene Kinder; studierte nach längerer Lehrtätigkeit Psychologie. Nach der Promotion folgten zusätzliche Ausbildungen in Gesprächstherapie sowie Paar- und Familientherapie. Gründete und leitete eine christliche Beratungsstelle. Heute ist Dr. Engeli vorwiegend als Referent und Ausbildner im Bereich der christlichen Seelsorge tätig.

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