

Rechtzeitig vor Ostern erklärte uns ein US-Ozeanologe aus Florida, Jesus sei nie über Wasser gelaufen, er habe sich in Wirklichkeit auf einer Eisscholle bewegt. Aussergewöhnlich tiefe Temperaturen hätten damals dazu geführt, dass sich eine ausreichende Eisdecke bilden konnte. Anfang der neunziger Jahre hatte der gleiche Professor auch eine Erklärung dafür, warum die Israeliten trockenen Fusses das Rote Meer durchquerten: Weil mächtige Winde es an einer relativ flachen Stelle geteilt haben sollen.
Gerne würde ich mir von dem Mann erklären lassen, ob man zu Zeiten Jesu auf dem See Genezareth bereits über Eisbrecher verfügte, weshalb die Eisdecke den Petrus nicht zu tragen vermochte und warum der Pharao samt
seiner Streitmacht an der relativ flachen Stelle des Roten Meeres ertrank? Gott darf offensichtlich nur noch so viel tun, was wir Menschen mit unserem Denkvermögen für möglich halten. Eigentlich schade. Wer Undenkbares nicht mehr für möglich hält, hat sehr beschränkte Zukunftsperspektiven. Da halte ich es doch lieber mit Shakespeare: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumt“ und ich bewahre doch lieber noch etwas von meinem kindlichen Sonntagsschulglauben. Der hat mich seinerzeit gelehrt, über Dinge zu staunen die ich noch nicht ganz begriffen hatte. Heute weiss ich zwar einiges mehr, aber das Staunen möchte ich nie verlernen. Und ausserdem: Seit mehr als zweitausend Jahren feiern Menschen weltweit jedes Jahr Ostern. Wer daran glaubt dass Jesus auferstand, für den ist es eigentlich unerheblich, ob er auch noch auf dem Wasser lief.