

Ein elementares Bedürfnis des Menschen ist die Geborgenheit. Wir sind geschaffen, um in Liebe und Geborgenheit zu leben. Schon als Kinder haben wir dieses Bedürfnis und bauen uns Höhlen, in die wir uns zurückziehen. Bekannt ist das Phänomen, dass Kinder immer neues Spielzeug haben wollen und sich dann nicht mehr dafür interessieren, sobald sie es besitzen. Dabei geht es nicht um das Spielzeug, sondern um den Akt der Zuwendung der Eltern. Das Kind sucht zutiefst nach Geborgenheit, die sich durch nichts ersetzen lässt.
Doch mit «haben wollen» («mein Haus, mein Auto, mein Boot») können wir die Sinnfrage nicht beantworten. Nach Immanuel Kant gehört zu den Grundbedürfnissen der menschlichen Existenz eine Antwort auf die Fragen: «Was kann ich erkennen, was kann ich tun, was darf ich hoffen, was ist der Mensch?» Es sind die zentralen Fragen nach unserer Identität als Geschöpf. In Psalm 91 steht:«Gib ihnen, Herr, einen Meister, dass sie erkennen, dass sie Menschen sind.»1Wir selbst können uns nur schwer oder gar nicht erkennen. Gott will es uns offenbaren.
Nach einem Vortrag über den christlichen Glauben fragte mich der Dolmetscher, der mich übersetzt hatte, ob ich denn glaube, was ich da sage. Ich antwortete: «Nein, ich weiß, dass es die Wahrheit ist.» Denn Glaube ist ein Wissen von Tatsachen, die man nicht sieht, und kein Für-wahr-Halten2. Mit dem Verstand kann man Geld verdienen, aber nicht lebensentscheidende Fragen beantworten. Zum Vergleich: der Zustand des Verliebtseins ist rational nicht abzusichern. Wir erreichen ihn nicht via Wissenschaft, er kann sich dem Denken nicht erschließen. Kant hat festgestellt, dass ein zu erkennendes Objekt und das erkennende Subjekt der gleichen Dimension angehören müssen. Deshalb kann der Mensch mit dem Verstand Gott nicht erkennen, denn die intellektuelle Dimension ist von der spirituellen Dimension zu unterscheiden. Durch Diskussion ist noch keiner zum Glauben gekommen. Wir benötigen eine andere Möglichkeit des Zugangs.
«Das menschliche Denken ist der Sichtbarkeit zugeordnet.»3 Dies wurde durch Experimente bestätigt: Einem hungrigen Hund legte man hinter einem Zaun einen Knochen vor. Der Hund will direkt zum Ziel und versucht, seine Schnauze durch den Zaun zu stecken. Wenn er den Knochen so nicht fassen kann, läuft er, hin und her bis er eine Lücke im Zaun findet. Dasselbe Experiment läuft mit einem Schimpansen anders ab. Dieser schaut sich um und geht sofort zur Lücke, auch wenn sich diese an einer anderen Stelle befindet als im vorangehenden Versuch. Er kommt unverzüglich zur richtigen Lösung. Sein Handeln ergibt sich aus dem Ziel. Beim Hund ergibt sich das Ziel aus dem probierenden Handeln, aus Versuch und Irrtum. Der Schimpanse hat sein Probier-Handeln nach innen verlegt. Das ist der Ursprung unseres Denkens. Es lässt sich also herleiten aus dem Sich-Orientieren in Raum und Zeit. Deshalb kann das Denken nicht zuständig sein für die Frage nach Gott, der nicht zeitlichräumlich gebunden, sondern ewig ist. Der Verstand kann geistliche Fragen nicht beantworten, er bleibt auf der religiösen Ebene.
Der Mensch kann nicht allein zu Gott gelangen. Es muss Offenbarung von Gott her geschehen, damit wir etwas von ihm erfahren. Wirklichkeit wird durch Wirksamkeit definiert. Was wirksam ist, ist wirklich. Wenn Gottes Geist in einem Leben wirksam ist, dann ist er Wirklichkeit. Gott will und kann sich offenbaren, dazu wurde er Mensch. Rational ist das nicht zu begreifen. Diese Offenbarung war notwendig, da wir sonst nichts von Gott erfahren hätten. Gott wurde Mensch, um sich zu offenbaren und uns zu erlösen. Einmal sagte ein Kollege zu mir, dass Gebet doch ein Selbstgespräch sei. Ich antwortete: «Für Sie schon, aber nicht für mich.» Auch Jesus sagte zu den Jüngern, dass sie seine Zeugen seien, nicht seine Beweisführer.4 Somit kann Glaube nur individuell bezeugt werden.
In meiner Studienzeit wurde ich von Studenten eingeladen, die sich zum Beten und Bibellesen trafen. Zuerst dachte ich, dass das alles angehende Pastoren seien. Doch sie stammten aus verschiedenen Fakultäten. Mein nächster Gedanke war, dass sie alle so sozialisiert seien. Doch etliche hatten sich gerade erst für ein Leben mit Jesus Christus entschieden und früher ganz anders gelebt. Ein Jahr lang habe ich sie beobachtet. Ich wollte sehen, ob sie Sonderlinge wären, aber sie unterschieden sich nicht von anderen und waren ganz normale Menschen. Doch sie hatten etwas, was mir fehlte, und das war nicht Religiosität, sondern Vertrauen. Um besser diskutieren zu können, begann ich, das Neue Testament zu lesen. Als ich das Matthäus-Evangelium durchgelesen hatte, wusste ich, dass es wahr ist, aber ich konnte es nicht begreifen. Man sagte mir, dass das Gebet zu Jesus Christus der Weg zu dieser Wahrheit ist. So betete ich, um zu erfahren, ob das stimmte. Denn vorsätzlich auf solch bedeutendes Wissen zu verzichten, ist Dummheit. Nach dem ersten Gebet meines Lebens wusste ich in meinem Herzen, dass Jesus lebt und ich zu ihm gehöre. Das war der Beginn meines Lebens mit Jesus Christus.
Die Liebe Gottes bedeutet Freiheit. Und diese Freiheit gibt eine innere Souveränität, die jeder anderen Macht überlegen ist. Letztes Jahr trat bei mir von heute auf morgen ein unerträglich starker Sekundenschmerz auf. Der Neurologe bestätigte meine Vermutung, es handelte sich um eine Trigeminus- Neuralgie.5 Zur Dämpfung des Schmerzes musste ich Medikamente einnehmen, die aber immer höher dosiert wurden und immer weniger ansprachen. Ich konnte nicht mehr normal essen, weil bei jedem Kauen oder Schlucken ein Anfall (bis zu 30-mal am Tag) ausgelöst werden konnte. Nur ein operativer Eingriff würde dauerhaft helfen. So entschied ich mich für eine große Operation am geöffneten Schädel im Bereich des Stammhirns. Ein entsprechender Spezialist aus Süddeutschland hatte vor kurzem eine Berufung nach Lübeck angenommen, so dass wir die relativ kurze Entfernung durch die Wirkung der Medikamente überbrücken und ich zwei Tage später operiert werden konnte. Dem Operateur sagte ich vor dem Eingriff, dass ich keine Angst hätte, weil Gott mir ein Wort gegeben hatte: «Ich rufe zu Gott, der meine Sache zu einem guten Ende führt.»6 Heute sitze ich am PC und schreibe schmerzfrei diese Zeilen.
Da der Mensch seine Grundausrichtung zu Gott hin verloren hat, ist er unfähig zur Liebe und wird immer wieder schuldig. Aber Gott liebt den Menschen noch immer. Er will, dass wir zu ihm umkehren und mit ihm in Gemeinschaft leben. Doch etwas trennt uns von ihm: unsere Sünden. «Sünde» ist kein moralischer Begriff, sondern bedeutet ursprünglich «Zielverfehlung ». Das griechische Wort für Zielverfehlung, «Hamarthia», stammt aus dem römischen Militärwesen und wurde ausgerufen, wenn der Bogenschütze sein Ziel verfehlt hatte. Sind wir in unserer Existenz auf Gottes Existenz und auf sein Kommen ausgerichtet? Oder verfehlen wir unser Lebensziel? Ich kann nur bezeugen, dass mein Leben nicht auf Sand gebaut ist, sondern auf den Felsen Jesus Christus. Dies gilt für Zeit und Ewigkeit.
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1 Psalm 21, Satz 21 (Lutherübersetzung 1914)
2 Hebräer, Kapitel 11, Satz 1
3 1. Samuel, Kapitel 17, Satz 76
4 Apostelgeschichte, Kapitel 1, Satz 8
5 Extrem heftiger, stechend einschießender Schmerz bis zu zwei Minuten Dauer (Leitlinien der deutschen Gesellschaft für Neurologie)
6 Psalm 57, Satz 3