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Die IVCG

 
Ausgabe 06/06 

Beziehungen

 

Hie und da treffe ich bei schriftlichen Unterlagen anstelle eines konkreten Namens auf die Buchstaben N.N. Die Abkürzung steht für Nomen nominandum und heißt frei übersetzt: hier kann/soll ein Name eingesetzt werden. Ich setze in meinen Gedanken jeweils den Namen «Mister NoName» ein. Wer will, kann auch den «Nicht-namentlich- genannt-werden-wollenden» einsetzen.

Im Fitnesscenter gibt es offenbar fast nur N.N.’s – «hallo» und «tschüss» treten an die Stelle eines Namens; häufig verwendet spiegeln sie jenes Maß an Vertrautheit und Vertraulichkeit vor, die eben nicht gewollt ist. «Nett, dich hier zu sehen – aber wie du heißt (und wie ich heiße) kann/soll auf der Seite gelassen werden; nein, ich will dich letztlich gar nicht als Person, als Persönlichkeit wahrnehmen.» Und so bleibt es beim unpersönlichen «Hallo».

Andere Szene: Anstelle von Bargeld setzen Sie im Restaurant Ihre Kreditkarte ein. Damit geben Sie Ihren Namen, Ihre Identität preis. Wie oft hat die Bedienung Sie daraufhin mit Namen angesprochen? Ich habe einmal gelesen, dass es bei der Bemessung von Trinkgeldern signifikante Unterschiede gibt, wenn Menschen persönlich wahrgenommen werden; dabei geht es nicht nur um den Namen, sondern um jede Art von Signal: «In meinen Augen bist du mehr als ein N.N.» N.N.’s geben wenig oder keine Trinkgelder (und keinesfalls mehr als durch Gesetz der Konvention von ihnen gefordert ist!).

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, wie herabwürdigend es ist, wenn anstelle des Namens Nummern verwendet werden? Diese Menschen werden nicht nur ihres Namens beraubt, sondern ihrer Persönlichkeit und Würde. – Der Name ist eben wesentlich mehr als ein einfaches Identifizierungsmerkmal. Vornamen werden mit Bedacht und meist liebevoll gewählt; sie werden nicht selten zu einer Art Lebensprogramm. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Namen öffnet manchmal ganz neue Perspektiven.

Gott kennt jeden einzelnen Menschen beim Namen, und er ruft ihn beim Namen. Das Zitat aus dem alttestamentlichen Jesaja-Buch: «Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!»1 richtet sich zwar nicht an einen einzelnen Menschen, sondern an das Volk der Israeliten. Trotzdem: immer dort, wo Gott einen einzelnen Menschen angesprochen hat, nennt er seinen Namen. Das gleiche beobachten wir bei Jesus.

Und es gilt auch heute noch.Gott kennt jeden einzelnen Menschen und begegnet ihm als Individuum – in seiner konkreten Situation, in seinen Stärken und Schwächen, seinen Erfolgen und Bedürfnissen. Dies ist Ausdruck seiner Liebe – und gleichzeitig Voraussetzung für eine persönliche Beziehung jedes einzelnen Menschen mit Gott, den wir – so der Ratschlag von Jesus an seine Schüler – mit «Unser Vater» ansprechen sollen! Damit ist auch angedeutet, was in der Bibel als Glaube geschildert wird: nicht Glauben an (eine höhere Macht, die Wirkung von Aspirin oder an die Fähigkeiten unserer Fußball-Nationalmannschaft), nicht Glaube, dass (es bald regnen werde, Kreuzworträtsel gelöst werden und die Schweizer Skifahrer wieder einmal besser als die Österreicher sein könnten), sondern schlicht Beziehung: Beziehung zu einem zwar unsichtbaren, aber sehr realen Gott, der sich mir als Einzelnem, mit Namen und Vornamen bekannten Menschen liebevoll zugewandt hat; einem Gott, dem man glauben kann, was er sagt!

Eine Auswirkung dieser Beziehung zu Gott ist die neue Liebe zu anderen Menschen. Mir geht es jedenfalls so. Ich möchte, so oft dies geht und angebracht ist, aus dem «Hallo» und «Tschüss» ausbrechen und meine Mitmenschen mit Namen oder Vornamen ansprechen.

Wenn immer die IVCG, Herausgeberin dieser Zeitschrift, Anlässe veranstaltet, will sie Menschen aus der Anonymität herausholen. Das heißt nicht, dass sie Menschen an die Organisation IVCG binden will (die IVCG lädt nicht zur Mitgliedschaft ein). Sie macht sich viele Gedanken, wie Sie sich als Besucherin und Besucher von Anlässen wohl fühlen. Und sie will ihre Gäste dort abholen, wo sie sind: als Mitbürger, mit verantwortlich in Wirtschaft und Gesellschaft, mit Fragen, die über die Tagesaktualitäten hinaus reichen zu den grundlegenden Fragen des Lebens und der menschlichen Existenz.

Vorträge in guten Hotels sind ein wichtiges Angebot; wichtig sind uns jedoch auch das Vorher und das Nachher, die Gespräche bei Tisch, die Möglichkeit von vertiefenden Seminaren oder auch nur der Austausch bei einem Glas Wein. Einen Überblick über die Aktivitäten, Anmeldeformulare, erste Möglichkeiten der persönlichen Kommunikation erhalten Sie unter www.ivcg.org. Dort erfahren Sie auch mehr über die IVCG und ihre Ziele. Bis bald!

_______________

1 Jesaja, Kapitel 43, Satz 1

Der Autor

Christoph Wyss

Christoph Wyss

CH-Bern

Fürsprecher/Rechtsanwalt, Präsident der IVCG

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