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Die IVCG

 
Spezial I/04 

Gefährliches Crescendo

 

Die Nachwirkungen der Hohmann-Affäre reichen tiefer als uns lieb sein kannDie Affäre ist schwer nachvollziehbar und doch verständlich.

Schwer nachvollziehbar, weil es ungewöhnlich ist, wenn ein in der Öffentlichkeit kaum bekannter deutscher Bundestags-Abgeordneter in seinem provinziellen, katholisch-konservativen Wahlkreis vor rund hundert Zuhörern ein nicht besonders tiefschürfendes, politisches Potpourri bietet, das in seiner politischen Wirkung alle anderen Themen ob Renten, Steuern, Krankenkassen oder deutsche Soldaten am Hindukusch in den Schatten stellt. Verständlich ist die Emotionalität der Diskussion, weil sie das Zentrum menschlicher Existenz betrifft, die Schuld - in diesem Fall die Schuld einer Nation.

Der Rede von Hohmann wurde von den massgeblichen Medien - wie bekannt - das Attribut des Antisemitismus verliehen. Wenn ein Mitglied des Deutschen Parlaments antisemitische Gedanken verbreiten würde, dann wäre dies mit gutem Grund sicherlich nicht akzeptabel und keine der Parteien könnte diese Person in seiner Fraktion dulden. Doch etliche haben sich die Hohmann-Rede im vollen Wortlaut zu Gemüte geführt und nichts konkret Antisemitisches entdecken können.

Die viel zitierte Stelle aus dieser Rede - die Juden seien ein Tätervolk - hat Hohmann so nicht stehen gelassen. Ganz im Gegenteil, er versuchte darzulegen, dass man die Juden kollektiv nicht verurteilen kann, obwohl nicht nur Karl Marx, sondern viele derjenigen, welche die kommunistische Revolution in die Tat umgesetzt haben, jüdischer Abstammung waren. Seine Schlussfolgerung lautet, dass man weder Juden noch Deutschen die Verbrechen der sozialistischen Ideologien kollektiv anlasten kann.

Diejenigen Ideologen, Revolutionäre und Tschekisten, die auf jüdische Wurzeln blicken können, waren keine gläubigen Juden, sie waren gottlose Menschen. Also geht die Gefahr weder von Juden noch von Deutschen aus, sondern von Menschen, die sich von Gott losgesagt haben. Deshalb wäre der Gottesbezug in der europäischen Verfassung dringend notwendig. Soweit Hohmann, und daraus folgernd die Schwierigkeit für viele, den Vorwurf des Antisemitismus nachzuvollziehen.

Doch Hohmann machte andere Fehlüberlegungen. In seiner Rede zog er einen unhaltbaren Vergleich zwischen der hypothetischen Kollektivschuld des deutschen und des jüdischen Volkes. Von welchem jüdischen Volk ist denn da die Rede, von dem in Amerika, in Afrika oder nur von dem in Russland? Die bolschewistische Revolution fand nicht im Namen des jüdischen Volkes statt, sondern der Internationale, und die Revolutionäre waren Russen, Ukrainer, Ungarn, Polen, Deutsche usw. auch wenn die Grossmütter einiger der Revolutionäre sich noch nach Thora und Talmud richteten. Der Umkehrschluss, zeigt wie fragwürdig die Argumentation ist: Wie verhielte es sich denn, wenn ein gläubiger Jude – z.B. der Attentäter von Rabin – Schuld auf sich lädt? Wären dann alle gläubigen Juden Täter?

In Deutschland jedoch und in den von Deutschland besetzten Gebieten geschah die planmässige Vernichtung der Juden, Zigeuner u.a. durch eine Diktatur, die jedoch ursprünglich aus Wahlen hervorgegangen ist. Sie vollbrachte die Gräueltaten im Namen des deutschen Reiches, wenn auch nur mit eingegrenztem Wissen des deutschen Volkes.

Andererseits ist in einer zunehmend den Glauben an den Schöpfer des Lebens verlierenden Gesellschaft die Hohmannsche Schlussfolgerung nötig. Die Verbrechen des 20. Jahrhunderts gehen weder auf das Konto von gläubigen Christen noch auf das von gläubigen Juden. Beide waren sie Opfer: Juden und Christen in der Sowjetunion und im NS-Reich, in beiden Fällen wegen ihres Glaubens. Die wegen ihres christlichen Glaubens oder Zugehörigkeit zu christlichen Kulturen (z.B. Armenier) ermordeten Menschen gehen sogar weltweit in dem vergangenen, sich dem Fortschritt menschlicher Erkenntnis so sehr verpflichteten 20. Jahrhundert, in die Millionen.

Im Vergleich dazu würde die Shoa nicht einmal an erster Stelle stehen, sie steht es aber in der Frage der Schuld. Während es z.B. in der Türkei verboten ist, die Schuld der Türken wegen des Pogroms an den Armeniern laut zu verkünden, ist es in Deutschland verboten, die Tatsache des Mordes an den Juden zu relativieren, abzumildern oder gar zu leugnen.

Das Verhalten in Deutschland ist richtig, denn für einen Christen ist es selbstverständlich zu seiner Schuld zu stehen, Schuld zu bekennen und die Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Wer sich als Deutscher fühlt, wer stolz auf deutsche Kultur und Geschichte ist, muss auch die Schattenseiten der Geschichte akzeptieren und die Konsequenzen daraus tragen. Insofern sollte für die Haltung eines Deutschen zu dieser Schuld auch der Umgang anderer Nationen mit ihren Verbrechen keine „GEFÄHRLICHES CRESCENDO“ Die Nachwirkungen der Hohmann-Affäre reichen tiefer als uns lieb sein kann Ingo Resch Rolle spielen. Deren Leugnung der Schuld kann nicht zur eigenen Relativierung der Schuld führen. Das geschieht auch nicht bei Menschen, die ernsthaft im christlichen Glauben leben.

In diesem Zusammenhang darf nicht verschwiegen werden, dass Deutschland wohl das einzige Land ist, dessen Menschen in überwiegender Mehrheit die von Deutschen begangenen Verbrechen und insbesondere den Antisemitismus nicht nur bereut hat, sondern auch mit Taten und Geldmitteln die daraus entstandenen Folgen, soweit dies überhaupt möglich ist, zu mildern suchten. Diese Schuldanerkennung zeigt auch konkrete Früchte. Wer als Deutscher Israel bereist, fühlt sich nicht ausgegrenzt, sondern gerade von jungen Menschen angenommen.

Auch in Deutschland überwog im Gegensatz zu vielen anderen – auch westlichen - Ländern eine positive Einstellung zu Juden und natürlich zu Israel. Was das Schicksal Deutschlands anbelangt, so sollten wir nicht vergessen, dass z.B. Sacharja und andere Propheten prophezeiten, wer das Bündnisvolk Gottes angreift, der wird von Gott heimgesucht und gestraft. Die kaum mehr vergleichbare Katastrophe, die über Deutschland hereinbrach, hat wohl mit der ebenfalls unvergleichbaren Schuld zu tun.

Nun kennt die Bibel den Zeitraum der Busse und Umkehr von 40 Jahren. Es ist zumindest nachdenkenswert, dass die Teilung Deutschlands 40 Jahre währte und dann ohne Blutvergiessen, durch einen Irrtum auf einer Pressekonferenz, gerade am 9. November 1989 überwunden war. Am 9. November 1938 fand die sogenannte Reichskristallnacht statt, die massenhafte Anpöbelung jüdischer Mitbürger durch Schlägertrupps der SA. Man sollte sich dies auch in Erinnerung rufen, denn Reue und Umkehr, dem eine Schuldanerkennung vorausgeht, ist für die menschliche Existenz, ob als Nation oder als Individuum, entscheidend.
Wie bedeutsam dies ist, kann nicht nur jeder psychologische Berater bestätigen, sondern das steht im Zentrum der Botschaft von Jesus Christus. Nicht umsonst hat Jesus in dem seinen Jüngern gelehrten Gebet, dem „Unser Vater“ (vgl. Matth. 6,6-15), die Frage der Schuld so hervorgehoben. Doch das Wesentliche der Botschaft des Evangeliums ist nicht der abstrakte Hinweis auf Schuld, mit der man dann selbst, vielleicht gar durch Verdrängen, fertig wird, sondern das Wesentliche ist die Vergebung der Schuld durch Gott und durch den Betroffenen: „... und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben ...“ (V.12).

Vergebung ist nicht erst ein neutestamentlicher Gedanke, sondern auch ein alttestamentlicher. Sonst hätte es die Verheissungen für Israel, die teilweise seit 1948 Wirklichkeit wurden, nicht gegeben. Gott vergibt dem Volk Israel, wie dies Jesaja, Jeremia und andere in aller Deutlichkeit hervorheben. Die Geschichte Israels, wie auch diejenige Deutschlands, kann als ein Beleg verstanden werden, dass es sich bei diesem Gedanken der Vergebung durch Gott nicht um eine theologische Spekulation handelt.

Das deutsche Problem liegt darin, dass sich im Zuge einer gewissen Political Correctness führende Politiker in der Wiederholung der Unversöhnlichkeit und damit der Unvergebbarkeit der Schuld gefallen, ob sie katholisch und grün sind, wie Joschka Fischer oder evangelisch und schwarz wie Angela Merkel. Wer dies an entscheidender Stelle wiederholt, spricht sich damit vom Verdacht des Antisemitismus frei. Dieser Persilschein ist notwendig, will man politisch in Deutschland überleben. In dieses Horn blasen nicht wenige, die damit politischen Druck ausüben wollen, auch Vertreter des Zentralrates der Juden in Deutschland. Dabei wird vergessen, dass bekannte Grössen wie Viktor Frankl, Yehudi Menuhin und viele andere, die Liste ist beträchtlich, wirklich vergeben haben und damit das notwendige Gegenstück zur Schuldanerkennung der Deutschen schufen. Auf dieser auch von Adenauer und Ben Gurion geschaffenen Grundlage gedieh eine fruchtbare deutsch-israelische Kooperation.

Die Münze des Nichtvergebens deutscher Schuld hat eine Kehrseite. Sie betrifft die Frage, wie man denn mit etwaiger Schuld von Juden umgeht. Heutzutage ist es in Deutschland nicht möglich darüber zu sprechen, nicht einmal der Hinweis, dass ein bestimmter Täter auch Jude war, darf ausgesprochen werden, will man sich nicht dem vernichtenden Vorwurf des Antisemitismus aussetzen.

Es gilt zu unterscheiden. Es geht nicht darum dem entsetzlichen Verbrechen des NS-Regimes die Schuld anderer Menschen oder gar diejenige von Juden entgegenzusetzen. Aufgrund der Ungeheuerlichkeit dieses Geschehens, ist es auch kaum möglich, vergleichbare Verbrechen in der Geschichte ausfindig zu machen. Doch es gibt keine Spezies Mensch, die a priori schuldlos ist. Auch kein einzelner Mensch ist ohne Schuld, worauf Jesus Christus mit dem klassischen Fall der Verurteilung einer Ehebrecherin hinweist: „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.“

Natürlich gab es in der Geschichte gerade in Deutschland grossartige und tüchtige Juden, die massgeblich Deutschland bis zu dem unseligen Jahr 1933 befruchteten. Aber deshalb ist ein Jude nicht a priori ein schuldloser Mensch, trotz des fürchterlichen Martyriums, das dieses Volk zu durchleiden hatte.

Diese Scheu, ja geradezu das Verbot über Schuld von Juden zu sprechen, führt auch zu der theologischen Konsequenz, die Schuld an der Kreuzigung Jesu allein den Römern anzulasten. Doch ist dies aus den biblischen Berichten, auch den alttestamentlichen Prophezeiungen, nicht ersichtlich. Auch trafen die entsprechenden Prophezeiungen von Jesus ein. 40 Jahre nach der Kreuzigung hatten die Römer Israel und seinen Tempel ausgelöscht. Israel hatte die Kreuzigung nicht bereut. Doch der Prophet Sacharja sagt im Namen Gottes voraus, dass Israel eines Tages bereuen wird: „Sie werden mich ansehen, den sie durchbohrt haben und sie werden um ihn klagen, wie um ein einziges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um den Erstgeborenen.“ (Sach. 12,10). Doch diese Erkenntnis Israels durch den Geist Gottes vermittelt, tritt erst in der Zukunft ein. Und zwar in einer Phase der grossen Not und Bedrängnis.

Wenn wir die Geschichte im Sinne alttestamentlicher Interpretation verstehen, dann gibt es tatsächlich Kollektivhaftung, genauer: das Mittragen von den Folgen aus Fehlern durch Menschen, die nicht verantwortlich für die Fehler waren, aber zu dem Volk gehörten, in dessen Namen Schuld auf sich geladen wurde. Die von den Propheten angekündigten und eingetretenen Gerichte über Babylon, Assyrien, Ägypten und nicht zuletzt über Israel sind solche Belege.

Auch in Deutschland hatten Millionen von Menschen die Folgen der verheerenden NS-Politik zu tragen, obwohl sie persönlich nicht verantwortlich für die Etablierung dieses Regimes waren. Noch weniger sind die Juden kollektiv Schuld an der Kreuzigung von Jesus. Ganz im Gegenteil, das Volk hing Jesus an, es bekehrten sich Tausende zu Jesus, die ersten christlichen Gemeinden bestanden aus Juden. Aber es waren führende Männer Israels, die durch ihre Anklagen die Kreuzigung hervorriefen und damit das jüdische Volk ins Verderben rissen. Die Römer ihrerseits, als die damaligen Vertreter des Staatsrechts, fällten das Urteil über Jesus und setzten die Strafe fest. Auch ihr Reich zerbrach im Laufe der folgenden Jahrhunderte. Noch ein Beispeil aus dem AT: Die Götzenaltäre der Frauen Salomos führten sein Grossreich in den Zerbruch. Das Leid trugen andere. Dieses Nichtanerkennen von Schuld jüdischer Menschen, das durch den Begriff des Antisemitismus geradezu sanktioniert ist, birgt die Gefahr fehlender Umkehr und Busse in sich. Dieser Zusammenhang ist uralt. Er zieht sich wie ein roter Faden durch alle prophetischen Bücher und findet sich nicht zu letzt auch in den Reden Jesu, nachdem er als gefeierter Sohn Davids in Jerusalem einzog und zuerst den Tempel und dann die Herzen und Gedanken von Sadduzäern und Pharisäern reinigen wollte. Wo es keine Anerkennung von Schuld gibt, wo diese Umkehr ausbleibt, bleibt das Gericht. Wer die Propheten unter diesem Aspekt liest, wird dies erkennen. Der jüdische Autor Arthur Katz verdeutlicht diesen Zusammenhang in seinem Buch über den Holocaust.

Es entbehrt nicht einer gewissen Logik, wenn Daniel Goldhagen das Neue Testament als antisemitisch abqualifiziert. Unter denselben Kriterien betrachtet, wäre allerdings auch das AlteTestament in weiten Passagen antisemitisch. Damit gewinnt aber diese neue Begriffsbestimmung des Antisemitismus einen beunruhigenden, geistlichen Inhalt.

In Deutschland spielt sich gegenwärtig eine Situation ab, die fatal enden könnte. Einerseits wird die anerkannte und eingestandene Schuld Deutschlands nicht anerkannt und anderseits wird jegliche Schuld, die jüdische Menschen oder auch der Staat Israel begehen, negiert. Wer Gott von Herzen liebt, liebt auch die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs, also damit Juden und Israeliten. Den bedrückt dieser Zusammenhang, weil damit die alttestamentlichen Gerichtsankündigungen auch für Israel wahr werden könnten.

Viele Menschen spüren zwar diesen Zusammenhang, erkennen aber die tiefere Bedeutung, wie sie die Heilige Schrift vermittelt, nicht. Das sich aufstauende Gefühl einer Ungerechtigkeit, d.h. des Messens mit zweierlei Mass, und darum ging es u.a. Hohmann in seiner Rede, kann von Rechtsradikalen instrumentalisiert werden. Das könnte eine sehr tragische Konsequenz mit sich ziehen: Durch die Antisemitismusvorwürfe, wie gegen die bedenkenswerte, rhetorisch allerdings miserabel vorgetragene und damit zu Missverständnissen einladende Rede des ehemaligen Bundestagspräsidenten Jenninger, bei der Rede von Martin Walser bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (sein geschmackloses Buch wurde zu Recht angegriffen) und jetzt bei der Rede von Martin Hohmann, entsteht das Gefühl mangelnder Meinungsfreiheit und Meinungsdiktat u.a. durch den Zentralrat der Juden.

Das – so paradox es klingen mag – befreite und gute Verhältnis im Nachkriegsdeutschland zu Juden fängt an Schaden zu leiden. Das ist das Bedrückende an diesen Vorgängen. Hätte man die Kirche im Dorf gelassen, d.h. Herrn Hohmann in Neuhaus bei Fulda, und diese Rede nicht fehlinterpretiert und damit ungerechtfertigt aufgewertet, wäre viel Schaden vermieden worden.
Diese negative Komponente erhält Verstärkung durch die pro-palästinensische Berichterstattung in den Medien. Die in Deutschland lange vorherrschende pro-israelische Haltung nach dem durch jüdische Einwanderer bewerkstelligten, bewundernswerten Aufbau und der Kultivierung des unter osmanischer Herrschaft heruntergekommenen Landstrichs und die Sympathie, die Israel nach den erstaunlichen Verteidigungskämpfen genoss, schmilzt. Der Zionismus verliert seine Freunde genau durch die Medien, welche die Rede Hohmanns unvollständig und damit falsch zitierten, genauso wie sie auch die Vorgänge in Nahost tendenziös, also gegen Israel, darstellen.

Antizionismus, Antisemitismus und Antijudaismus wenden sich gegen unterschiedliche Lebensbereiche der Nachkommen Abrahams. Der Abrahambund gründete auf Vertrauen in den unsichtbaren Gott, das ist die Grundlage jüdischen Glaubens. Gegen diesen Glauben und die mit dem Bund entstandene Sonderstellung wandte sich der Antijudaismus. Der Antisemitismus war ein Kind des 19. Jahrhunderts und entstammte dem in England, Frankreich und Russland aufkommenden Rassegedanken. In dieser Zeit verlor auch in Deutschland der christliche Glaube an Boden. Nun war der Jude nicht mehr der Gottesmörder, sondern der Antisemitismus wandte sich gegen den jüdischen Einfluss auf wirtschaftlichem, politischem und geistigem Gebiet, so noch definiert im Großen Brockhaus aus dem Jahr 1908. Der Antisemitismus hatte damals nicht den dramatischen Beigeschmack wie nach der Shoa. Man konnte sich öffentlich dazu bekennen. Fast so wie heute zum Antiamerikanismus, der sich gegen die wirtschaftliche, politische und kulturelle Dominanz der USA wendet. Dafür kann in Deutschland eingesammeltes Geld ungestraft an irakische Terroristen für Waffenkäufe weitergereicht werden! Doch heute wird aus der unhaltbaren, früheren und zu Diskriminierungen und Morden führenden Anklage „der Jude ist schuld“ eine Verteidigung, die jedwede Kritik an Juden oder gar Schuldzuweisungen als antisemitisch brandmarkt. Selbst die geschichtliche Darstellung wie die von Alexander Solschenizyn über die Juden in Russland fällt unter dieses Siegel. Doch wo liegt heute das eigentliche Problem?

Die Gewichte haben sich mittlerweile nach der Gründung des Staates Israel verschoben. Die Gabe Gottes nach dem Abrahambund und als Erneuerung nach dem Sinaibund ist Erez Israel, das Land Kanaan. Und 2000 Jahre nach Jesus Christus wurde wahr, was Gott durch die Propheten ankündigen liess: Israel kehrt heim in das vorgesehene Land, nach Zion. Und dieser dritte Aspekt des Bündnisses Gottes mit Abraham und seinen Nachkommen, der Zionismus, bestimmt in der Gegenwart und Zukunft den Kampf gegen Gottes Bund. Die zukünftige Gefahr liegt im Antizionismus. David Jaffin schreibt in seinem Buch „Jesu Leidensweg mit Israel“: „Am Ende der Tage nimmt der Judenhass eine sehr schlangenhafte Form an: der Antizionismus.“ Diese Gefahr wird gegenwärtig durch Scheingefechte vernebelt.

Was wäre zu tun? Es wäre gut, wenn Juden, die in Deutschland oder Amerika politische Ämter ausüben, Deutschland wirklich vergeben und nicht die Schuld instrumentalisieren. Frankl und Menuhin vergaben nicht nur verbal, sie kamen nach Deutschland nicht fordernd, sondern gebend. Vergebung hat vom Wortstamm etwas mit weggeben zu tun, im griechischen mit loslassen (aphièmai), im Hebräischen mit aufheben und tragen (nasa von dem das Wort sálách stammt). Wer durch Vergeben bereit ist, den Schuldvorwurf loszulassen oder aufzuheben, befreit sich selbst. Vergeben ist nicht altruistisch. Gott tilgt die Schuld Israels um seines Namens willens. Die Ermordeten des Holocaust können nicht vergeben, aber die Schuld kann gesühnt werden - weltlich durch materielle Leistungen, geistlich durch Jesus (Römer 3,25).

Die Versöhnung zwischen Gott und dem Menschen, aber auch zwischen Deutschen und Juden ist die Folge. Sich zu versöhnen heisst nicht, zu vergessen. Ursachen und Folgen müssen wachgehalten werden. Doch die aus der Sühne folgende Versöhnung bedingt auch eine uneingeschränkte Solidarität mit Israel. Dies ist wichtiger als vor lauter Selbstanklage den Blick für das Notwendige und Aktuelle zu verlieren.

Wir müssen uns der existentiellen Bedrohung Israels bewusst sein. Hier liegt der Ansatzpunkt und nicht dort, wo ein Abgeordneter im heimischen Wahlkreis versucht, eine ohnehin fragwürdige Kollektivschuld durch einen verkehrten Umkehrschluss zu widerlegen. Aber alles Schreiben und Reden hilft wohl nichts. Es scheint sich eine Entwicklung anzubahnen, die Schreckliches ahnen lässt. Sie steigerte sich in der Emotionalität, die die Nation geradezu spaltete, von Jenninger über Walser zu Hohmann.

Das eigentliche Problem stellt aber die zunehmende Gottlosigkeit dar, worauf Hohmann richtigerweise hinführen wollte. Und diese Aussage war es, die ihm viel Zustimmung einbrachte und nicht seine falschen und hinkenden historischen Vergleiche.

Wie geht es weiter, wenn in einigen Jahrzehnten die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland nicht ihre familiären Wurzeln in Deutschland hat und sich nicht mit der deutschen Geschichte identifiziert? Wenn diese neuen deutschen Staatsbürger aber gleichzeitig für die Schuld eines Landes, in dem sie wohnen, in Haftung genommen werden, ohne auf – wenn auch nicht vergleichbares, dafür aber aktuelleres - schuldhaftes Verhalten von Juden oder Israelis hinweisen zu dürfen? Dies wird noch schwieriger, wenn eine Mehrheit innerhalb der ethnischen Minderheiten, die jedoch in der Summe die Mehrheit in Deutschland darstellen werden, moslemischen Glaubens ist, eines Glaubens, der nicht nur antijüdisch, sondern vor allem antizionistisch ist? Dann besteht die Gefahr, dass von Europa gerade das ausgeht, was heute jeder verantwortungsbewusste Deutsche ablehnt: Stellungnahmen gegen Israel. In England, Frankreich und den Niederlanden wird der moslemische Druck nicht geringer sein.

Durch Vorgänge wie die Verurteilung von Martin Hohmann wird der Boden für eine Entwicklung eingeleitet, die keiner will. So wie es aussieht, ist sie bereits angebahnt. Die Resistenz in bürgerlichen Kreisen wird brüchig. Die Mahnungen der Propheten an das Bündnisvolk Gottes erhalten bedrückende Aktualität.

Der Autor

Ingo Resch

Dr. Ingo Resch

D-Gräfelfing

Verleger von Sach- und Fachbüchern

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