

Der amerikanische Politologe Daniel Jonah Goldhagen hat ein neues Buch (Die katholische Kirche und der Holocaust) geschrieben und befindet sich auf Verkaufstournee. Dieses Buch, das nicht den Ansprüchen an ein historisches Werk Genüge leistet, geschweige denn wissenschaftlicher Sorgfaltspflicht (siehe auch Spiegel vom 7. 10. 02, „Absurde Idee“) hat ein Ziel: Wiedergutmachung durch die katholische Kirche. Nun könnte man sich als evangelikaler Christ beruhigt zurücklehnen und auf die bekennende Kirche, auf die Barmer Erklärung, auf Dietrich Bonhoeffer u.a. verweisen und frei nach dem Humoristen Wilhelm Busch sich denken „da bin ich aber froh, denn Gott sei Dank, ich bin nicht so.“ Ab er dem ist in den Augen Goldhagens nicht so, denn die Wiedergutmachung bedeutet für ihn nicht nur respektable Geldforderungen, sondern vor allem ein Verwerfen der Bibel. Sie sei angeblich ein antisemitische Buch. Denn auf Grund der Evangelien, sei das Christentum eine Religion, die in ihrem Innersten einen Hass ungeheueren Ausmaßes auf die Juden gehuldigt und verbreitet hat. Die Bibel müsse umgeschrieben werden. Mit dieser Argumentation befindet er sich in guter Gesellschaft, vor ihm hatte der NS-Chefideologe Alfred Rosenberg gleiches gefordert.
Wieso kann es ein Buch geben, so Goldhagen, von dem die Christen behaupten, es sei Gottes Wort und wahr, diffamiere aber die Juden? Es geht also nicht nur um das Erleichtern des vatikanischen Portemonnaies, sondern um das Buch der Bücher. Deshalb trifft dieser Angriff uns mehr als die römische Kirche, uns die wir kein Lehramt kennen, keine Konzile und keine Dogmen, sondern „sola scriptura“ Grundlage des Glaubens ist.
Wir müssen uns also argumentativ auf eine neue Schlacht vorbereiten. Goldhagen trifft auf breite Zustimmung in einem geistig längst entchristianisierten Milieu. Der Applaus ist ihm sicher. Ja selbst die katholische Kirche erweist ihm Referenz, so in Hamburg, wo die katholische Akademie ihn zum Gespräch einlud. Goldhagen hatte über eine halbe Stunde Redezeit, er bekam das Schlusswort und der bekannte Politologe Konrad Löw runde zehn Minuten. Eine dritte Wortmeldung Löws gestatteten die kirchlichen Veranstalter nicht. Nun hat der praktizierende Katholik Konrad Löw drei Monate vor Goldhagen eine sehr sorgfältig erarbeitet Recherche über die angebliche Schuld der Kirche vorgelegt. (Konrad Löw, Die Schuld, Christen und Juden im Urteil der Nationalsozialisten und der Gegenwart). Löw macht das einzig Richtige: er lässt auch die Nationalsozialisten zu Wort kommen, die in der Kirche, vor allem in der römischen, den stärksten Widersacher gegen Rassegesetze, sowie tatkräftigen Helfer und Beschützer der Juden sahen. Die schwarzen Bundesgenossen des Weltjudentums wurden als Judenknechte bezeichnet. Ihnen sollte der Vernichtungskampf nach dem Endsieg gelten.
Aber dies mag niemand hören. Begierig werden Geschichtsfälschungen aufgenommen, denn sie sollen einen fundamentalen Angriff gegen Kirche und Bibel belegen. Die Gegenargumente mancher katholischer Persönlichkeiten oder Würdenträger, sei es der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier oder Kardinal Lehmann, sind vornehm zurückhaltend und gehen zu wenig auf den Kern der Sache, ja sie suchen sogar Verständnis für die Diffamierungen eines angeblich in der christlichen Botschaft begründeten Antijudaismus
Aber die Fakten sprechen eine andere und eindeutige Sprache. Jesus war Jude, er erklärte der samaritischen Frau, dass das Heil von den Juden käme. Aber deshalb sind Jesu Zeitund Volksgenossen nicht alle heilig und jeder Kritik enthoben. Das Alte Testament beschreibt ja selbst die historischen Glanzfiguren wie Mose, Israel, David u.a. auch von Seiten, die Goldhagen sicherlich als antisemitisch werten würde, stünden diese Zeilen im NT. Wenn Jesus sagt „weh Euch ihr Schriftgelehrten und Pharisäer“ kann er nicht kollektiv verurteilt haben, denn er hatte auch in diesen Kreisen Anhänger. Jesus verurteilt die herrschende Glaubenshaltung. Aber da befindet er sich in guter Tradition des Alten Testamentes. Bei seinen Gerichtsworten, auch wenn er Israel insgesamt meint, werden Jeremia, Psalmverse, die Geschichtsbücher usw. zitiert. Was Jesus hier sagt, haben vorher alle Propheten ausgeführt, wo er anklagt, haben die Propheten viel mehr angeklagt. Es zeigt sich, dass Goldhagen die Bibel nicht versteht. Denn wen Gott liebt, den züchtigt er. Das Jesus sein Volk liebt, dass er für das Volk stirbt, wie es der Hohepriester unbeabsichtigt ausdrückte, kann niemals einem Hass auf dieses Volk entspringen. Nicht zu vergessen, dass Jesus am Kreuz für seine Mörder betet und um Vergebung bittet.
Die Evangelisten sollen angeblich später antisemitisch geworden sein, doch sie waren mit Ausnahme des Lukas alles Juden und kümmerten sich um das Heil ihres Volkes. Sie bekehrten Juden und lehrten in den Synagogen. So bestanden auch die ersten Gemeinden nicht nur in Jerusalem, sondern bis nach Rom aus Juden.
Doch hätte Goldhagen bei dem Versuch ein geschichtliches Buch zu verfassen, auch historisch vo rgehen müssen. So erfolgte die erste Judendiskriminierung (genauer Hebräer oder Kinder Israels) durch die Ägypter im Lande Gosen vor Moses Exodus. Auch war die babylonische Gefangenschaft schwerlich von Christen initiiert, da sie 600 Jahre vor Jesus stattfand, und als schließlich die Römer Jerusalem schleiften und später den jüdischen Staat im Zuge diverser Massaker vernichteten und den Staat Israel in Palästina umbenannten, saßen die Christen selbst als Verfolgte in irgendwelchen Kellern der antiken Metropole.
In solchem Zusammenhang wird auch gerne übersehen, dass das zweite nachchristliche Massaker an Juden niemand anderes als Muhammad in Medina veranstaltete. Er ließ 600 bis 700 Männer in einem Massengrab verschwinden, Frauen und Kinder wurden als Sklaven verkauft, nur eine 18 jährige Witwe hatte das Glück von Muhammad als Konkubine benutzt zu werden (siehe H.P. Raddatz, Von Gott zu Allah?). Auch hatte die so gerne zitierte Toleranz gegenüber den Juden von seiten der Moslems ihre sehr pragmatische Grenze. Als sie nicht mehr gebraucht wurden, brachten die moslemischen Herrscher sie um, sowohl in Andalusien als auch im gesamten Orient. (vgl. Bat Y`or, Der Niedergang des orientalischen Christentums unter dem Islam).
Wir wissen alle, das es in dem sogenannten christlichen Abendland Judenverfolgungen und Diskriminierungen gab. Sie sind aber nicht aus der Bibel begründbar, aus dem Koran schon. Das ist der fundamentale Unterschied.
Das sich immer wiederholende Argument lautet, dass die Evangelien und auch Paulus den Gottesmord der Juden anprangerten. Doch weisen Matthäus, Paulus, Petrus u.a. immer wieder darauf hin, das Jesus wegen unserer Sünden gestorben ist. Jeder Christ weiß, dass er mit schuldig am Tod von Jesus ist. Aus dem Neuen Testament einen Hass auf die Verkläger Jesu oder auf die römischen Exekutoren abzuleiten, ginge vollständig am Tenor des Evangeliums vorbei. Das Leiden des Gottesknechtes unter den Juden und das Durchbohren Gottes durch Juden beschreiben allerdings bereits Jesaja und vor allem Sacharja einige Jahrhunderte vor Jesus. Waren sie dann auch „Antisemiten“? Doch wäre es gut, diesen Begriff erst einmal zu klären.
Der Antisemitismus ist eine Erscheinung des 19. Jahrhunderts! Er entstand in einem Abendland, dass sich längst von den Fundamenten der christlichen Offenbarung gelöst hat und sich an den Errungenschaften der im Blutbad fast erstickten Französischen Revolution begeisterte und den Nationalstaat feierte. Der Antisemistimus, der in Russland, Polen, Österreich, Deutschland und Frankreich seinen Ausgang nahm, aber vor allem in Russland zu den ersten diskriminierenden Gesetzen führte (ab 15. März 1882) und in Frankreich per Gerichtsurteil (1894) Alfred Dreyfus - weil elsässischer Jude - diskriminierte, war rassistisch. Wenn auch einige Geistliche den Antisemitismus schürten wie der Berliner Hofprediger Stöcker (siehe Stöcker, Das moderne Judentum in Deutschland, 1880) so war die Hauptstoßrichtung dieses Antisemitismus rein rassistisch begründet (Dühring, Die Judenfrage als Rassen-, Sitten- und Kulturfrage, 1881). Der Rassismus ist selbst bei weitherzigster Auslegung nicht aus den Evangelien oder gar aus den Briefen des Paulus herzuleiten. So ließe sich noch eher aus dem Alten Testament ein Rassismus begründen, aber niemals aus dem Neuen. Wenn Gott dem Petrus verdeutlicht, er soll nicht unrein machen, was Gott reingemacht hat, er soll auch zu Nichtjuden gehen, dann werden gerade hier bestehende Schranken überschritten. Auch das Gespräch Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen, das Gleichnis mit dem Samariter usw. belegen, wie das Neue Testament rassistische Vorurteile ablehnt. Es baut sie auch nicht umgekehrt gegenüber Juden auf. „Stecke Dein Schwert in die Scheide“ gehört als Wort Jesus genauso, wie die Aufforderung selbst Feinde zu lieben und nicht zu richten, sondern den Balken im eigenen Auge zu sehen, widerlegen die entsprechenden Unterstellungen Goldhagens.
Heute dreht es sich weder um Antisemitismus (19. und 20. Jahrhundert) noch um Antijudaismus (bis zum 19. Jahrhundert), heute geht es um den Antizionismus, also der die Existenz dieses Volkes bedrohende Feind. Er ist nicht in christlichen Kreisen zu finden, wie eben auch früher, sondern in liberal-agnostischen Zirkeln, bei Kommunisten sofern es sie noch gibt und bei den Moslems.
Die unglaublichste Behauptung stellt Goldhagen mit der Bemerkung auf, dass wegen dieser Religion des Hasses auf Juden, die Christen nun seit 2.000 Jahren schwere Verbrechen und anderes Unrecht an Juden begangen haben, Massenmord eingeschlossen. „Der größte und bekannteste Fall eines solchen Massenmordes ist der Holocaust“. Hier erfindet allerdings Goldhagen eine wahrhaft historische Sensation! Auf die ist bisher noch keiner der Forscher gekommen. Hitler und seine Volksgenossen als Christen zu bezeichnen. Ausgerechnet diese Bewegung, die zutiefst antichristlich war, und deren Heilsverkündigung (Heil Hitler) und 1000jährige Reich, deren Begriffe wie Blut und Boden, ein Land, ein Volk, ein Führer usw. satanische Verdrehungen biblischer Begriffe darstellen (David Jaffin) mit dem Christentum zu vergleichen offenbart die Unsachlichkeit dieser Polemik. Die ersten Opfer jener atheistischen, gegen Gott gerichteten Macht waren nicht Juden, sondern Regimekritiker. Darunter befanden sich Christen, wie der bereits 1934 in Dachau zu Tode gefolterte Fritz Gerlich (Herausgeber der katholischen Zeitschrift „Der gerade Weg“).
Weil im Neuen Testament die Juden als Kinder des Satans von dem aus dem Geschlechte Davids stammenden Jesus tituliert wurden, so dient dies u.a. Goldhagen für seine Argumentation. Er überlas dabei, dass Jesus auch Petrus („auf diesen Fels baue ich meine Kirche“) so bezeichnete „weiche von mir du Satan, du meinst nicht was göttlich ist“. Nun sitzen die obersten Repräsentanten just jener von Goldhagen des Antisemitismus angeklagten Kirche – auch der bescholtene Pius XII – auf nichts anderem als auf dem Stuhl Petri. Entsprechend müsste der diskriminierende Vorwurf auch hier gelten.
Die Geschichte der Juden ist nicht nur dramatisch, sondern bemerkenswert. Aber wo liegt die Begründung? Etwa in einer als militant empfundenen Lehre von Jesus? So sah ihn übrigens gerne Hitler, der den die Händler aus dem Tempel vertreibenden Kämpfer als das eigentlich christliche Vorbild erwähnte und damit das vermeintlich Antijüdische an Jesus hoffte dingfest machen zu können. Es stimmt nachdenklich, dass Goldhagen sich diese Argumentation zu eigen macht, wie sein Buch überhaupt an so manche Publikation aus jener Zeit fatal erinnert. Nur an Bildfälschungen trauten sich die Volksgenossen noch nicht heran.
Nein, die 4000 jährige Geschichte der Nachkommen Abrahams kann nicht Folge von angeblich enttäuschten und somit antisemitischen Evangelisten sein. Sondern sie wird erklärbar mit dem, was Gott König Salomon rund 1000 Jahre bevor Christen ihr erstes Vaterunser beteten und den Auferstandenen als Gottes Sohn verehrten, verkündete: „Wenn ihr mir nicht treu bleibt, dann werde ich Euch in alle Welt zerstreuen und ihr werdet zum Gespött aller Völker werden“. Aber diesem angekündigten Gericht, dass etliche Propheten wiederholten, folgte stets die Verheißung des Heils. Und so hat dieses kleine Volk aus der Antike als einziges unter Bewahrung seiner kulturellen Identität überlebt. Doch hier, wo es um Gericht über Israel geht, befinden wir uns in der Bibel der Juden. Als Jesus dieses Gericht wiederholte, weinte er. Die Offenbarung Jesu an Johannes beschreibt den Zorn Gottes nicht über Juden, sondern über die von Gott abgefallene Welt. Versiegelt, also bewahrt und gerettet, werden jedoch 144.000 aus allen Stämmen Israels. Goldhagen hat die Bibel nicht nur sehr selektiv gelesen, sondern auch nicht verstanden. Denn der Ausruf einiger Bewohner Jerusalems „sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ beinhaltet ja die unbewusste, aber für Christen bewusste Aussage, das Jesu Blut rettet.
Die Bibel ist nicht antijüdisch und schon gar nicht antisemitisch. Das Neue Testament vermittelt die dem Volk Israel angekündigte Heilserfüllung. Dass die nicht leiblichen Nachfahren Abrahams daran Teil haben dürfen, verdanken wir letztendlich den Juden, wie dies Paulus nun hinlänglich begründet. Aber Goldhagen fischt sich aus dem 1. Thessalonischer Brief, die Bemerkung von Paulus heraus, dass die Juden die Propheten und Jesus getötet haben und ihn nun daran hindern wollen, das Evangelium auch in außerjüdische Regionen zu tragen. Unterschlagen wird aber die deutliche Aussage des Paulus aus dem Römerbrief, wo er Israel mit einem Ölbaum vergleicht, aber die bekehrten Heiden nur mit einem leicht wieder auszureißenden, eingepfropften Zweig und an anderer Stelle: Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die selig machen alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. Also Diskriminierendes gegenüber Nichtjuden.
Goldhagen hat den Kern biblischer Botschaft, das Handeln Gottes nicht begriffen. Wenn er die Geschichte des Josefs in Ägypten sorgfältig studiert hätte, wäre manches klar geworden. Denn Neid, Verrat, Lügen und Mordabsicht der Brüder dreht Gott um in Heilsgeschichte. Das von den Propheten und von Jesus benannte Versagen des Bündnisvolkes Gottes wird zum Heil für die Welt.Es geht bei dieser scheinbaren Aufarbeitung der Shoa nicht um die seinerzeitige Katastrophe, auch nicht nur um heutiges Geld, es geht um unseren zukünftigen Glauben. So wird das Verbrechen des gege n Jesus gerichteten Nationalsozialismus als Vorwand benutzt, um gegen Jesus zu kämpfen. Hitler hätte mit einer Vernichtung aller Juden der Bibel inklusive Offenbarung des NT den Boden der Wahrheit entzogen, dieses Geschäft beitreibt nun Goldhagen.